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Erucasäure

Was ist Erucasäure?

Erucasäure (englisch: erucic acid) ist eine einfach ungesättigte Fettsäure mit der chemischen Bezeichnung cis-13-Docosensäure (C22:1). Sie gehört zur Gruppe der langkettigen Fettsäuren und kommt natürlicherweise in Pflanzen aus der Familie der Kreuzblütengewachse (Brassicaceae) vor. Bekannte Quellen sind Raps, Senf, Meerrettich und Kapuzinerkresse. In herkömmlichem Rapsöl war Erucasäure früher in hohen Mengen enthalten; durch züchterische Maßnahmen wurden moderne Rapssorten (00-Raps) entwickelt, die nur noch geringe Mengen dieser Fettsäure enthalten.

Vorkommen und Quellen

Erucasäure findet sich hauptsächlich in folgenden Lebensmitteln und Pflanzenölen:

  • Rapsöl (herkömmlich): Bis zu 50 % Erucasäure im Fettsäuremuster
  • Senföl: Ebenfalls hohe Gehalte möglich
  • Meerrettich und Wasabi: Geringe Mengen
  • Kapuzinerkresse: Samen enthalten relevante Mengen
  • Wallflower-Öl (Goldlack): Sehr hohe Gehalte

Modernes Rapsöl (Canola-Öl), das heute im Handel erhältlich ist, enthält durch gezielte Züchtung weniger als 2 % Erucasäure und gilt als unbedenklich.

Wirkmechanismus und Stoffwechsel

Erucasäure wird nach der Aufnahme im Dünndarm absorbiert und in die Blutbahn aufgenommen. Im Körper wird sie über die sogenannte Beta-Oxidation in den Mitochondrien abgebaut – also in den Kraftwerken der Zellen. Problematisch ist jedoch, dass langkettige Fettsäuren wie Erucasäure von säugern deutlich langsamer abgebaut werden als kürzere Fettsäuren. Tierexperimentelle Studien zeigten, dass hohe Zufuhrmengen zu einer Anreicherung im Herzmuskelgewebe führen können, was als lipidose-artige Herzschädigung bezeichnet wird. Der genaue Mechanismus der Toxizität beim Menschen ist noch nicht vollständig geklärt.

Mögliche Gesundheitsrisiken

Auf Basis von Tierversuchen wurden folgende mögliche Risiken identifiziert:

  • Herzmuskelschäden: In Rattenstudien führten hohe Erucasäure-Mengen zu Fetteinlagerungen im Herzmuskel (Myokardlipidose).
  • Wachstumsverzögerungen: Tierexperimentelle Hinweise auf beeinträchtigtes Körperwachstum bei Jungtieren.
  • Veränderungen im Fettstoffwechsel: Beeinflussung der Lipidprofile im Blut.

Wichtig: Die beobachteten Schäden in Tierversuchen traten bei sehr hohen Dosen auf, die weit über der normalen Nahrungsaufnahme beim Menschen liegen. Direkte Belege für schwere Herzschäden beim Menschen durch übliche Nahrungsmengen liegen bisher nicht vor.

Gesetzliche Höchstmengen und Regulierung

Aufgrund der möglichen gesundheitlichen Risiken hat die Europäische Union den Erucasäure-Gehalt in Lebensmitteln reguliert. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat einen tolerierbaren täglichen Aufnahmewert (TDI) von 7 mg pro kg Körpergewicht und Tag festgelegt. Die EU-Verordnung (EG) Nr. 1881/2006 legt Höchstgehalte für Erucasäure in Speiseölen und -fetten fest:

  • Höchstgehalt: 50 g/kg (5 %) in Speiseölen und -fetten sowie in Lebensmitteln, denen Öle oder Fette zugesetzt wurden
  • Besondere Regelungen für Säuglingsnahrung: noch strengere Grenzwerte

Erucasäure in der Medizin

In der Medizin spielt Erucasäure als Bestandteil von Lorenzo-Öl eine besondere Rolle. Dieses spezielle Ölgemisch, das aus Erucasäure und Ölsäure gewonnen wird, wird bei der seltenen neurologischen Erkrankung Adrenoleukodystrophie (ALD) eingesetzt. ALD ist eine genetisch bedingte Stoffwechselerkrankung, bei der sich sehr langkettige Fettsäuren im Körper anreichern. Lorenzo-Öl kann den Anstieg dieser Fettsäuren im Blut verlangsamen, obwohl seine klinische Wirksamkeit noch diskutiert wird.

Industrielle Verwendung

Erucasäure findet in der Industrie breite Anwendung:

  • Als Schmiermittel und Weichmacher in der Kunststoffverarbeitung
  • In der Kosmetikindustrie (z.B. in Haarpflegeprodukten)
  • Als Ausgangssubstanz für die Herstellung von Erucamid, einem Gleitmittel für Kunststofffolien
  • In der Schmierstoffproduktion für technische Anwendungen

Empfehlungen für Verbraucher

Für eine gesunde Ernährung empfiehlt es sich, im Handel erhältliche 00-Rapsöle oder als Canola-Öl bezeichnete Produkte zu verwenden, da diese durch gezielte Züchtung einen sehr niedrigen Erucasäuregehalt aufweisen. Traditionelle Senföle, die außerhalb der EU teilweise noch höhere Erucasäuregehalte aufweisen, sollten insbesondere von Schwangeren, Stillenden und Kleinkindern nur in geringen Mengen konsumiert werden. Bei einer ausgewogenen und abwechslungsreichen Ernährung ist eine Überschreitung des tolerierbaren Aufnahmewertes in der Regel nicht zu erwarten.

Quellen

  1. European Food Safety Authority (EFSA): Scientific Opinion on erucic acid in feed and food. EFSA Journal, 2016; 14(11):4593. Verfügbar unter: https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.2903/j.efsa.2016.4593
  2. Verordnung (EG) Nr. 1881/2006 der Kommission zur Festsetzung der Höchstgehalte für bestimmte Kontaminanten in Lebensmitteln. Amtsblatt der Europäischen Union, 2006.
  3. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Erucasäure in Lebensmitteln – Stellungnahme des BfR. Berlin, 2021. Verfügbar unter: https://www.bfr.bund.de
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