Fontanelle
Was ist die Fontanelle?
Die Fontanelle (von französisch "fontanelle", kleiner Brunnen) bezeichnet die weichen, bindegewebigen Lücken zwischen den noch nicht vollständig zusammengewachsenen Knochen des kindlichen Schädels. Diese Stellen sind bei Neugeborenen und Säuglingen tastbar und sichtbar, da die Schädelknochen bei der Geburt noch nicht vollständig miteinander verwachsen sind. Die Fontanellen erfüllen wichtige biologische Funktionen und sind für Kinderärzte ein wertvolles diagnostisches Hilfsmittel.
Arten der Fontanellen
Am kindlichen Schädel befinden sich insgesamt sechs Fontanellen, von denen zwei besonders klinisch bedeutsam sind:
- Große (vordere) Fontanelle: Sie liegt an der Oberseite des Schädels, zwischen Stirnbein und Scheitelbein. Sie ist rautenförmig, bei Neugeborenen etwa 2–4 cm groß und schließt sich normalerweise zwischen dem 9. und 18. Lebensmonat.
- Kleine (hintere) Fontanelle: Sie befindet sich am Hinterkopf, zwischen Scheitelbein und Hinterhauptbein. Sie ist deutlich kleiner und schließt sich bereits in den ersten 2–3 Lebensmonaten.
- Seitliche Fontanellen: Die vorderen und hinteren Seitenfontenellen (Keilbein- und Warzenbeinfontenellen) sind weniger bekannt und schließen sich ebenfalls frühzeitig im ersten Lebensjahr.
Funktionen der Fontanellen
Die Fontanellen erfüllen während der frühkindlichen Entwicklung mehrere wichtige Aufgaben:
- Geburtsvorgang: Durch die Beweglichkeit der Schädelknochen kann sich der kindliche Kopf beim Durchtritt durch den Geburtskanal formen und anpassen (Moulage).
- Gehirnwachstum: Das Gehirn wächst nach der Geburt rasant. Die Fontanellen geben dem Schädel die nötige Flexibilität, um dieses Wachstum zu ermöglichen.
- Diagnostisches Zeichen: Der Zustand der großen Fontanelle gibt Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand des Säuglings.
Diagnostische Bedeutung
Die Beurteilung der Fontanelle ist ein fester Bestandteil der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen. Dabei wird auf Größe, Spannung und Verschlusszeit geachtet:
Vorgewölbte (gespannte) Fontanelle
Eine nach außen vorgewölbte, gespannte oder pulsierende Fontanelle kann ein Hinweis auf einen erhöhten Hirndruck sein. Mögliche Ursachen sind:
- Hirnhautentzündung (Meningitis)
- Hirnblutung
- Hydrozephalus (Wasseransammlung im Gehirn)
- Enzephalitis (Gehirnentzündung)
Eingefallene (eingesunkene) Fontanelle
Eine deutlich eingesunkene Fontanelle ist meist ein Zeichen von Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) und sollte umgehend ärztlich abgeklärt werden, da Säuglinge schnell austrocknen können.
Verzögerter oder verfrühter Schluss
- Vorzeitiger Schluss (Kraniosynostose): Schließen sich die Schädelnähte zu früh, kann das Gehirnwachstum behindert werden. Dies ist behandlungsbedürftig.
- Verzögerter Schluss: Eine noch offene Fontanelle nach dem 18. Lebensmonat kann auf Erkrankungen wie Rachitis, Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) oder Down-Syndrom hinweisen.
Pflege und Umgang mit der Fontanelle
Viele Eltern sind unsicher im Umgang mit der weichen Stelle am Schädel ihres Kindes. Folgende Hinweise sind wichtig:
- Die Fontanelle ist durch eine stabile Bindegewebsschicht geschützt und kann beim normalen Waschen, Kämmen und Berühren nicht verletzt werden.
- Starke Schläge oder Druck auf die Fontanelle sollten jedoch vermieden werden.
- Ein leichtes Pulsieren der Fontanelle im Rhythmus des Herzschlags ist normal und kein Grund zur Beunruhigung.
Wann zum Arzt?
Eltern sollten umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, wenn:
- die Fontanelle stark vorgewölbt oder auffallend gespannt ist,
- das Kind gleichzeitig Fieber, Erbrechen oder Bewusstseinsveränderungen zeigt,
- die Fontanelle deutlich eingesunken ist und das Kind Zeichen von Austrocknung zeigt,
- die Fontanelle nach dem 18. Lebensmonat noch deutlich geöffnet ist.
Quellen
- Lentze, M. J. et al. (Hrsg.) - Pädiatrie: Grundlagen und Praxis, 4. Auflage, Springer Medizin Verlag, 2014.
- World Health Organization (WHO) - Pocket Book of Hospital Care for Children, 2. Auflage, WHO Press, 2013. Verfügbar unter: https://www.who.int
- Kiesler, J. & Ricer, R. - The abnormal fontanel. American Family Physician, 67(12), 2547–2552, 2003. PubMed PMID: 12825844.