Schreibaby
Was ist ein Schreibaby?
Als Schreibaby bezeichnet man ein Säugling, der mehr als drei Stunden am Tag, mehr als drei Tage pro Woche und über einen Zeitraum von mindestens drei Wochen ununterbrochen weint oder schreit. Dieses Phänomen wird in der Fachliteratur auch als exzessives Schreien oder infantile Kolik bezeichnet. Es handelt sich dabei nicht um eine Erkrankung im eigentlichen Sinne, sondern um ein Verhaltensmuster, das bei schätzungsweise 10 bis 30 Prozent aller Neugeborenen auftritt. Obwohl das Schreien für Eltern extrem belastend sein kann, überwinden die meisten Kinder diese Phase bis zum dritten oder vierten Lebensmonat von selbst.
Ursachen
Die genauen Ursachen für exzessives Schreien sind bis heute nicht vollständig geklärt. Es wird davon ausgegangen, dass mehrere Faktoren zusammenwirken können:
- Unreifes Verdauungssystem: Blähungen, Darmkrämpfe und eine noch nicht vollständig ausgereifte Darmflora können Unwohlsein verursachen.
- Neurologische Reifung: Das Nervensystem des Neugeborenen ist noch in der Entwicklung und kann äußere Reize noch nicht ausreichend filtern oder verarbeiten.
- Eltern-Kind-Interaktion: Stress der Eltern, unsichere Bindung oder fehlende Beruhigungsstrategien können das Schreien verstärken.
- Temperament: Manche Säuglinge sind von Natur aus empfindlicher gegenüber Reizen und reagieren intensiver auf Unwohlsein.
- Organische Ursachen: In seltenen Fällen liegen medizinische Ursachen wie gastroösophagealer Reflux, Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Infektionen vor, die abgeklärt werden sollten.
Symptome und Merkmale
Das Schreien eines Schreibabys unterscheidet sich oft deutlich von normalem Hungers- oder Unwohlseinschreien. Typische Merkmale sind:
- Anhaltendes, oft hohes Schreien ohne erkennbaren Grund
- Das Kind ist durch übliche Beruhigungsmaßnahmen kaum zu trösten
- Beine werden an den Bauch gezogen, Bauch wirkt angespannt (möglicherweise Hinweis auf Koliken)
- Schreiattacken treten häufig am späten Nachmittag oder Abend auf (sogenannte Abendkolik)
- Normale Entwicklung des Kindes ist trotz des Schreiens gewährleistet
Diagnose
Die Diagnose eines Schreibabys erfolgt in der Regel durch den Kinderarzt oder die Kinderfachklinik. Zunächst wird eine gründliche körperliche Untersuchung durchgeführt, um organische Ursachen auszuschließen. Dazu gehören:
- Untersuchung des Magen-Darm-Trakts
- Ausschluss von Infektionen oder Entzündungen
- Befragung der Eltern über Ernährung, Schlafverhalten und familiäre Belastungssituationen
- Einschätzung des elterlichen Stressniveaus und der psychosozialen Situation
Wenn keine organischen Ursachen gefunden werden, wird die Diagnose exzessives Schreien gestellt. Spezielle Schreiambulanzen oder Säuglingsberatungsstellen bieten zusätzliche Unterstützung an.
Behandlung und Unterstützung
Da es keine einheitliche Therapie gibt, richtet sich die Behandlung nach den individuellen Bedürfnissen des Kindes und der Familie. Folgende Maßnahmen haben sich als hilfreich erwiesen:
Beruhigungsstrategien für das Kind
- Tragen und Schaukeln: Rhythmische Bewegungen können das Nervensystem des Säuglings beruhigen.
- Pucken: Das feste Einwickeln des Babys in ein Tuch kann ein Sicherheitsgefühl vermitteln.
- Weißes Rauschen: Gleichmäßige Hintergrundgeräusche (z. B. Regenrauschen, Ventilator) können beruhigend wirken.
- Bauchmassage: Sanfte Massagen im Uhrzeigersinn können bei Blähungen helfen.
- Stillen oder Saugen: Das Saugen an der Brust oder einem Schnuller kann beruhigen.
Unterstützung für Eltern
- Entlastung suchen: Eltern sollten regelmäßig Pausen einplanen und Hilfe von Angehörigen annehmen.
- Schreiambulanz aufsuchen: Spezialisierte Beratungsstellen bieten professionelle Unterstützung für betroffene Familien.
- Elternkurse: Kurse zur Säuglingsberuhigung und Stressbewältigung können helfen.
- Psychologische Hilfe: Wenn Eltern unter der Belastung leiden, sollte frühzeitig psychologische oder therapeutische Unterstützung in Anspruch genommen werden.
Ernährungsanpassungen
- Bei gestillten Säuglingen kann eine Anpassung der Ernährung der Mutter (z. B. Reduktion von Kuhmilchprodukten) versucht werden, wenn eine Nahrungsmittelunverträglichkeit vermutet wird.
- Bei flaschengefütterten Säuglingen kann ein Wechsel der Nahrung (z. B. hydrolysierte Formula) unter ärztlicher Aufsicht in Betracht gezogen werden.
Wann zum Arzt?
Eltern sollten unbedingt ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, wenn:
- das Kind plötzlich anders oder ungewohnt heftig schreit,
- Fieber, Erbrechen, Durchfall oder andere körperliche Symptome auftreten,
- das Kind nicht zunimmt oder Trinkprobleme zeigt,
- Eltern das Gefühl haben, die Situation nicht mehr kontrollieren zu können.
Wichtig: Ein schreiendes Baby niemals schütteln. Das Schütteltrauma kann lebensgefährliche Hirnschäden verursachen. Wenn die Belastung zu groß wird, das Baby sicher ablegen und kurz Abstand nehmen.
Quellen
- Wolke, D. & St. James-Roberts, I. (1987): Multi-method measurement of sleep-wake states in normal and excessively crying infants. Early Human Development, 16(1), 7-19.
- Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ): Schreibaby - Informationen für Eltern. Verfügbar unter: www.bmfsfj.de
- Largo, R. H. (2019): Babyjahre - Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren. Piper Verlag, München.