Episiotomie
Was ist eine Episiotomie?
Die Episiotomie (auch Dammschnitt genannt) ist ein gezielter, chirurgischer Schnitt in den Damm – das Gewebe zwischen Scheide und After – der während der Geburtsphase durchgeführt wird. Ziel dieses Eingriffs ist es, den Geburtskanal zu vergrößern, damit das Kind leichter geboren werden kann. Die Episiotomie zählt zu den häufigsten geburtshilflichen Eingriffen weltweit, wird heute jedoch nur noch bei klarer medizinischer Notwendigkeit empfohlen.
Wann wird eine Episiotomie durchgeführt?
Eine Episiotomie wird nicht routinemäßig, sondern nur bei bestimmten medizinischen Indikationen vorgenommen. Zu den häufigsten Gründen zählen:
- Drohender schwerer Dammriss: Wenn das Gewebe stark unter Druck steht und ein unkontrollierter Riss wahrscheinlich erscheint.
- Geburtsstillstand in der Austreibungsphase: Wenn der Geburtsfortschritt zum Stillstand kommt und schnelles Handeln erforderlich ist.
- Saugglocken- oder Zangengeburt: Bei instrumentellen Geburten wird zusätzlicher Platz benötigt.
- Fetale Notfallsituationen: Wenn das Kind unter Sauerstoffmangel leidet und eine schnelle Entbindung notwendig ist.
- Schulter-Dystokie: Eine seltene Komplikation, bei der die Schultern des Kindes im Geburtskanal stecken bleiben.
Arten der Episiotomie
Es gibt verschiedene Schnittführungen, die je nach klinischer Situation gewählt werden:
- Mediolaterale Episiotomie: Der Schnitt verläuft schräg zur Seite. Sie ist in Europa am weitesten verbreitet und schützt effektiv vor Verletzungen des Schließmuskels.
- Mediane Episiotomie: Der Schnitt verläuft gerade nach unten Richtung After. Dieser Typ heilt oft leichter, birgt jedoch ein höheres Risiko für tiefere Risse bis zum Schließmuskel.
- Laterale Episiotomie: Der Schnitt verläuft seitlich; heute kaum noch angewendet.
Durchführung des Eingriffs
Die Episiotomie wird in der Regel unter lokaler Betäubung (Lokalanästhesie) durchgeführt, häufig während einer Wehe, da das Gewebe dabei maximal gedehnt ist und der Schnitt weniger schmerzhaft ist. Bei einer vorhandenen Periduralanasthesie (PDA) entfällt eine zusätzliche Betäubung. Nach der Entbindung wird der Schnitt mit resorbierbaren Nähten genäht, die sich nach einigen Wochen von selbst auflösen.
Heilung und Nachsorge
Die Heilungsphase nach einer Episiotomie dauert in der Regel zwei bis sechs Wochen. Während dieser Zeit können Schmerzen, Spannungsgefühle und leichte Schwellungen auftreten. Folgende Maßnahmen unterstützen die Heilung:
- Regelmäßige Kühlung der Wunde in den ersten Tagen
- Sorgfältige Intimhygiene nach jedem Toilettengang
- Sitzbad mit lauwarmem Wasser zur Linderung von Beschwerden
- Schonung und Vermeidung von starkem Pressen
- Regelmäßige Kontrolle der Wunde auf Anzeichen einer Infektion
Mögliche Komplikationen
Wie bei jedem chirurgischen Eingriff können auch bei der Episiotomie Komplikationen auftreten:
- Infektionen: Die Wunde kann sich entzünden, was Rötung, Schwellung und eitrige Absonderungen verursacht.
- Blutungen: Starkere Blutungen während oder nach dem Eingriff sind möglich.
- Nahtdehiszenz: Die Nähte können sich lösen, bevor die Wunde vollständig verheilt ist.
- Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie): Narbengewebe kann langfristig Schmerzen verursachen.
- Beckenbodenschwierigkeiten: In seltenen Fällen kann die Episiotomie die Beckenbodenmuskulatur beeinträchtigen.
Episiotomie vs. natürlicher Dammriss
Früher wurde die Episiotomie routinemäßig durchgeführt, da man annahm, ein sauberer Schnitt heile besser als ein natürlicher Riss. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) empfehlen jedoch eine restriktive Anwendung. Studien zeigen, dass ein gezielter Eingriff nur bei medizinischer Notwendigkeit die besten Ergebnisse für Mutter und Kind liefert.
Alternativen und Vorbeugung
Verschiedene Maßnahmen können dazu beitragen, eine Episiotomie zu vermeiden:
- Dämmassage in der Schwangerschaft: Regelmäßige Massage des Damms ab der 34. Schwangerschaftswoche kann die Elastizität des Gewebes verbessern.
- Warme Kompressen: Wärme auf dem Damm während der Austreibungsphase fördert die Durchblutung und Dehnbarkeit.
- Gezielte Atemanleitung: Langsames, kontrolliertes Mitschieben statt starkem Pressen kann das Gewebe schonen.
- Optimale Geburtsposition: Bestimmte Geburtspositionen (z. B. Seitenlage, Vierspundestand) reduzieren den Druck auf den Damm.
Quellen
- World Health Organization (WHO): WHO Recommendations: Intrapartum Care for a Positive Childbirth Experience. Geneva: WHO, 2018. Verfügbar unter: https://www.who.int/reproductivehealth/publications/intrapartum-care-guidelines/en/
- Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): S3-Leitlinie Vaginale Geburt am Termin. AWMF-Registernummer 015-083, 2020. Verfügbar unter: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/015-083.html
- Jiang H, Qian X, Carroli G, Garner P: Selective versus routine use of episiotomy for vaginal birth. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2017. DOI: 10.1002/14651858.CD000081.pub3