Was ist eine Fehlgeburt?
Eine Fehlgeburt (medizinisch: Spontanabort oder Abort) bezeichnet den unbeabsichtigten Verlust einer Schwangerschaft vor der 24. Schwangerschaftswoche (SSW). Der Begriff wird am häufigsten für Schwangerschaftsverluste im ersten Trimester verwendet, also vor der 13. SSW. Frühe Fehlgeburten sind sehr verbreitet und betreffen schätzungsweise 10 bis 20 Prozent aller bekannten Schwangerschaften. Die tatsächliche Zahl ist wahrscheinlich höher, da viele Fehlgeburten sehr früh eintreten, bevor eine Schwangerschaft überhaupt bemerkt wird.
Ursachen
Die Ursachen einer Fehlgeburt sind vielfältig. In den meisten Fällen liegt die Ursache nicht im Verhalten der Mutter, sondern in biologischen oder genetischen Faktoren.
Häufige Ursachen
- Chromosomale Anomalien: In rund 50 bis 60 Prozent aller frühen Fehlgeburten liegt eine fehlerhafte Chromosomenverteilung beim Embryo vor. Dies geschieht zufällig bei der Zellteilung und ist nicht vererbbar.
- Hormonelle Störungen: Ein Mangel an Progesteron oder Erkrankungen wie das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) und Schilddrüsenerkrankungen können das Risiko erhöhen.
- Anatomische Anomalien der Gebärmutter: Fehlbildungen, Myome (gutartige Muskelknoten) oder Verwachsungen (Asherman-Syndrom) können eine erfolgreiche Einnistung oder Entwicklung des Embryos behindern.
- Infektionen: Bestimmte Infektionskrankheiten wie Toxoplasmose, Listerien oder eine Zytomegalievirus-Infektion können eine Fehlgeburt auslösen.
- Immunologische Ursachen: Erkrankungen wie das Antiphospholipid-Syndrom führen dazu, dass das Immunsystem die Schwangerschaft angreift.
- Chronische Erkrankungen: Schlecht eingestellter Diabetes mellitus, Bluthochdruck oder Nierenerkrankungen können das Fehlgeburtsrisiko erhöhen.
- Lebensstilfaktoren: Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum und Drogengebrauch gehen mit einem erhöhten Risiko einher.
Risikofaktoren
- Fortgeschrittenes mütterliches Alter (ab 35 Jahren steigt das Risiko deutlich an)
- Vorherige Fehlgeburten
- Starkes Unter- oder Übergewicht
Formen der Fehlgeburt
Medizinisch wird zwischen verschiedenen Arten unterschieden:
- Drohender Abort (Abortus imminens): Blutungen und Unterleibsschmerzen, die Schwangerschaft besteht noch fort.
- Unvermeidlicher Abort (Abortus incipiens): Der Muttermund öffnet sich, die Fehlgeburt lässt sich nicht mehr aufhalten.
- Unvollständiger Abort (Abortus incompletus): Teile des Schwangerschaftsgewebes verbleiben in der Gebärmutter.
- Vollständiger Abort (Abortus completus): Das gesamte Schwangerschaftsgewebe wurde vollständig ausgestossen.
- Verhaltener Abort (Missed Abortion): Der Embryo ist abgestorben, wird aber nicht ausgestossen. Es treten keine oder nur geringe Symptome auf.
- Habituelle Fehlgeburt: Drei oder mehr aufeinanderfolgende Fehlgeburten; eine genauere Abklärung der Ursachen ist hier dringend empfohlen.
Symptome
Die Anzeichen einer Fehlgeburt können je nach Art und Zeitpunkt variieren. Typische Symptome sind:
- Vaginale Blutungen (leichtes Schmieren bis hin zu starken Blutungen)
- Krampfartige Unterleibsschmerzen ähnlich wie Menstruationsschmerzen
- Rückenschmerzen im unteren Bereich
- Nachlassen von Schwangerschaftssymptomen wie Übelkeit oder Brustspannen
- Abgang von Gewebe oder Flüssigkeit aus der Scheide
Wichtiger Hinweis: Nicht jede Blutung in der Schwangerschaft bedeutet eine Fehlgeburt. Bei ersten Anzeichen sollte umgehend ärztlicher Rat eingeholt werden.
Diagnose
Die Diagnose einer Fehlgeburt erfolgt durch verschiedene Untersuchungen:
- Ultraschalluntersuchung: Der transvaginale Ultraschall ist die wichtigste diagnostische Methode. Er kann zeigen, ob der Embryo eine Herzaktivität aufweist und ob sich die Schwangerschaft normal entwickelt.
- Bluttest: Die Messung des Schwangerschaftshormons Beta-hCG im Blut gibt Aufschluss über den Verlauf der Schwangerschaft. Bei einer gesunden Schwangerschaft verdoppelt sich der Wert alle zwei Tage.
- Gynäkologische Untersuchung: Die Ärztin oder der Arzt untersucht den Muttermund und den Zustand der Gebärmutter.
Behandlung
Die Behandlung richtet sich nach der Art der Fehlgeburt und dem Zustand der Betroffenen.
Abwartende Behandlung (Expectatives Management)
Bei einem unvollständigen oder unvermeidlichen Abort kann abgewartet werden, bis der Körper das Gewebe von selbst ausstösst. Dies kann einige Tage bis Wochen dauern und erfordert regelmäßige ärztliche Kontrollen.
Medikamentöse Behandlung
Das Medikament Misoprostol (ein Prostaglandin) kann eingesetzt werden, um die Gebärmutterkontraktion anzuregen und das Ausstossen des Schwangerschaftsgewebes zu beschleunigen.
Operative Behandlung
Eine Ausschabung (Küréttage) oder Saugküréttage (Vakuumaspiration) kann notwendig sein, wenn das Schwangerschaftsgewebe nicht vollständig ausgestossen wird oder wenn Komplikationen wie starke Blutungen auftreten. Der Eingriff wird unter örtlicher oder allgemeiner Betäubung durchgeführt.
Emotionale Verarbeitung und Unterstützung
Eine Fehlgeburt ist nicht nur ein körperliches, sondern oft auch ein tief emotionales Erlebnis. Trauer, Schuldgefühle, Angst und Leere sind normale Reaktionen. Es ist wichtig zu wissen, dass eine Fehlgeburt in den allermeisten Fällen nicht durch das Verhalten der Mutter verursacht wird. Unterstützung durch:
- Gespräche mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt
- Psychologische Beratung oder Psychotherapie
- Selbsthilfegruppen für betroffene Eltern
- Offene Kommunikation mit dem Partner oder der Partnerin und dem sozialen Umfeld
kann helfen, den Verlust zu verarbeiten und neue Kraft zu schöpfen.
Prognose und Zukunftsaussichten
Die meisten Frauen, die eine Fehlgeburt erlebt haben, können anschliessend eine gesunde Schwangerschaft führen. Die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Fehlgeburt nach einem einmaligen Verlust liegt nur geringfügig höher als bei Erstschw angerschaften ohne Fehlgeburt. Bei habituellen Fehlgeburten empfiehlt sich eine ausführliche Abklärung durch eine Spezialistin oder einen Spezialisten für Reproduktionsmedizin.
Quellen
- World Health Organization (WHO): Abortion care guideline. Genf, 2022. Verfügbar unter: https://www.who.int
- Tommy's Pregnancy Hub / Royal College of Obstetricians and Gynaecologists (RCOG): Miscarriage - information for you. London, 2023. Verfügbar unter: https://www.rcog.org.uk
- Kolte AM et al.: Terminology for pregnancy loss prior to viability: a consensus statement from the ESHRE early pregnancy special interest group. Human Reproduction, 2015;30(3):495-498. Verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov