Geburtsstillstand
Was ist ein Geburtsstillstand?
Als Geburtsstillstand bezeichnet man in der Geburtshilfe eine Situation, in der der normale Fortschritt der Geburt zum Erliegen kommt. Dies kann sowohl in der Eröffnungsphase (erste Geburtsphase) als auch in der Austreibungsphase (zweite Geburtsphase) auftreten. Ein Geburtsstillstand stellt eine wichtige klinische Situation dar, da ohne rechtzeitige Intervention mögliche Risiken für Mutter und Kind entstehen können.
In der medizinischen Fachsprache wird zwischen einem Arrest (vollständiger Stillstand) und einem verlangsamten Geburtsfortschritt (Protraktio) unterschieden. Beide Zustände erfordern eine genaue Überwachung und ärztliche Beurteilung.
Ursachen
Ein Geburtsstillstand kann verschiedene Ursachen haben, die häufig unter dem Begriff der drei P zusammengefasst werden:
- Powers (Kraft der Wehen): Unzureichende oder unkoordinierte Wehentätigkeit, die nicht ausreicht, um das Kind voranzutreiben.
- Passenger (das Kind): Fehllagen oder -einstellungen des Kindes, ein großes Geburtsgewicht (Makrosomie) oder Anomalien, die den Durchtritt durch den Geburtskanal erschweren.
- Pelvis (das Becken der Mutter): Ein zu enges oder anatomisch unzureichendes Becken, das den Durchtritt des Kindes verhindert (Beckenenge).
Zusätzliche Faktoren können eine Erschöpfung der Mutter, eine zu früh angelegte Periduralanästhesie oder strukturelle Veränderungen am Muttermund sein.
Symptome und Erkennung
Ein Geburtsstillstand wird in der Regel durch regelmäßige geburtshilfliche Untersuchungen erkannt. Zu den Anzeichen gehören:
- Keine oder kaum messbare Eröffnung des Muttermunds über einen definierten Zeitraum trotz regelmäßiger Wehen
- Kein Tiefertreten des kindlichen Kopfes im Becken
- Nachlassende oder ausbleibende Wehentätigkeit trotz fortgeschrittener Geburt
- Zeichen der Erschöpfung bei der Mutter
Diagnose
Die Diagnose erfolgt klinisch durch den geburtshilflichen Befund. Wichtige diagnostische Maßnahmen umfassen:
- Vaginale Untersuchung: Beurteilung der Muttermundöffnung, der Lage und Höhe des kindlichen Kopfes sowie der Beschaffenheit der Weichteile
- Kardiotokografie (CTG): Überwachung der kindlichen Herzfrequenz und der Wehentätigkeit
- Ultraschall: Lagebeurteilung des Kindes und Einschätzung des Geburtsgewichts
- Klinische Beobachtung: Beurteilung des Allgemeinzustands der Mutter und des Geburtsfortschritts über die Zeit
Nach den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sowie internationalen Empfehlungen gelten festgelegte Zeitgrenzen, ab denen von einem Geburtsstillstand gesprochen wird.
Behandlung
Die Behandlung des Geburtsstillstands richtet sich nach der Ursache und dem Stadium der Geburt. Mögliche Maßnahmen sind:
Konservative Maßnahmen
- Wehenstimulation (Oxytocin): Medikamentöse Unterstützung der Wehentätigkeit durch intravenöse Gabe von Oxytocin, um den Geburtsfortschritt wieder anzuregen
- Lagerung und Mobilisation: Veränderung der Lage der Mutter (z. B. aufrechte Position, Seitenlage) zur Optimierung der Geburtsposition
- Amniotomie: Gezieltes Eröffnen der Fruchtblase zur Förderung des Geburtsfortschritts
- Unterstützung und Schmerzlinderung: Psychosoziale Begleitung und adäquate Schmerztherapie zur Reduzierung von Stress und Anspannung
Operative Maßnahmen
- Vaginal-operative Entbindung: Unterstützung der Geburt durch Vakuumextraktion (Saugglocke) oder Geburtszange (Forceps) bei tiefstehendem Kindskopf
- Kaiserschnitt (Sectio caesarea): Wenn konservative und vaginal-operative Maßnahmen nicht erfolgreich sind oder eine rasche Entbindung aus medizinischen Gründen notwendig ist, wird ein Kaiserschnitt durchgeführt
Risiken und mögliche Komplikationen
Ein unbehandelter oder spät erkannter Geburtsstillstand kann zu ernsthaften Komplikationen führen, darunter:
- Sauerstoffmangel beim Kind (fetale Hypoxie)
- Uterusruptur (Gebärmutterriss)
- Infektionen (Chorioamnionitis)
- Erschöpfung und psychische Belastung der Mutter
Durch eine engmaschige Überwachung und rechtzeitige Intervention können die meisten Komplikationen vermieden werden.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): S3-Leitlinie Vaginale Geburt am Termin (2020). Verfügbar unter: https://www.awmf.org
- American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG): Safe Prevention of the Primary Cesarean Delivery. Obstetric Care Consensus No. 1. Obstetrics & Gynecology, 123(3), 693-711 (2014).
- Cunningham FG et al.: Williams Obstetrics, 25th Edition. McGraw-Hill Education, New York (2018).