Was ist ein Geburtstrauma?
Ein Geburtstrauma (auch Geburtsverletzung oder Geburtsschaden genannt) bezeichnet eine Schädigung, die während des Geburtsvorgangs entsteht. Es kann sowohl das Neugeborene als auch die Mutter betreffen. Beim Kind handelt es sich meist um mechanische Verletzungen durch den Geburtskanal, bei der Mutter um Verletzungen des Beckenbodens, der Gebärmutter oder anderer Strukturen. Neben körperlichen Traumen können auch psychische Geburtstraumata auftreten, die als posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nach einer belastenden Geburtserfahrung in Erscheinung treten.
Ursachen
Geburtstraumata entstehen durch verschiedene Faktoren, die den Geburtsprozess erschweren:
- Makrosomie: Ein zu großes Kind im Verhältnis zum Geburtskanal der Mutter
- Prolongierte Geburt: Sehr lange, erschwerter Geburtsvorgang
- Fehllage des Kindes: z.B. Steiss- oder Querlage
- Geburtshilfliche Eingriffe: Einsatz von Geburtszange (Forzeps) oder Saugglocke (Vakuumextraktion)
- Schnelle Geburt (Sturzgeburt): Sehr rascher Geburtsfortschritt
- Frühgeburt: Unreife Gewebe des Frühgeborenen sind anfälliger für Verletzungen
- Psychische Faktoren: Ängste, mangelnde Unterstützung oder traumatische Erlebnisse während der Geburt
Arten von Geburtstraumata beim Neugeborenen
Weichteilverletzungen
Häufig sind Schwellungen, Blutergüsse oder Abschürfungen an Kopf und Gesicht des Kindes, die in der Regel harmlos sind und sich innerhalb weniger Tage zurückbilden.
Kephalohaematom
Ein Kephalohaematom ist eine Blutansammlung zwischen dem Knochen und der Knochenhaut des Schädels. Es entsteht häufig nach dem Einsatz der Saugglocke und bildet sich meist innerhalb von Wochen von selbst zurück.
Klavikulafraktur (Schlusselbeinfraktur)
Der Knochenbruch des Schlusselbeins ist die häufigste Knochenverletzung bei Neugeborenen und tritt besonders bei schwieriger Schulterentwicklung auf. Die Heilung erfolgt in der Regel vollständig und ohne bleibende Schäden.
Plexus-brachialis-Parese
Eine Plexus-brachialis-Parese entsteht durch Überdehnung oder Zerreißung der Nervenfasern im Schulter-Arm-Bereich. Dies kann zu Bewegungseinschränkungen oder Lähmungen des Arms führen. Leichte Formen erholen sich oft spontan; bei schweren Fällen ist eine physiotherapeutische oder operative Behandlung notwendig.
Hirnblutung und hypoxisch-ischämische Enzephalopathie
Schwere Geburtstraumata können mit Sauerstoffmangel (Hypoxie) verbunden sein und zu einer hypoxisch-ischämischen Enzephalopathie (HIE) führen, einer Hirnschädigung durch Sauerstoffmangel. Diese Form gehört zu den schwersten Komplikationen und erfordert sofortige intensivmedizinische Behandlung.
Geburtstrauma bei der Mutter
Auch Mutter können während der Geburt schwere Verletzungen erleiden:
- Dammriss (Perinealriss): Risse im Bereich des Dammes, eingeteilt in vier Schweregrade
- Beckenbodenverletzungen: Schädigung der Beckenbodenmuskulatur mit Folgen wie Inkontinenz oder Senkungsbeschwerden
- Symphysenruptur: Riss oder Spreizung der Schambeinfuge
- Psychisches Geburtstrauma / Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): Flashbacks, Ängste, Schlafstörungen oder Vermeidungsverhalten nach einer als traumatisch erlebten Geburt
Symptome
Die Symptome eines Geburtstraumas variieren je nach Art und Schwere der Verletzung:
- Schwellungen, Blutergüsse oder Asymmetrien am Kopf des Neugeborenen
- Bewegungsarmut oder Lähmung eines Arms beim Kind
- Schreiempfindlichkeit oder verändertes Trinkverhalten beim Säugling
- Krampfanfälle oder Bewusstseinsstörungen beim Neugeborenen (bei schweren Fällen)
- Schmerzen, Blutungen oder Schwellungen im Beckenbereich der Mutter
- Harn- oder Stuhlinkontinenz bei der Mutter
- Psychische Symptome wie Flashbacks, Ängste oder depressive Verstimmungen bei der Mutter
Diagnose
Die Diagnose eines Geburtstraumas erfolgt durch eine sorgfältige klinische Untersuchung kurz nach der Geburt. Folgende Methoden kommen zum Einsatz:
- Körperliche Untersuchung: Inspektion und Palpation des Neugeborenen sowie der Mutter
- Ultraschall (Sonographie): Zur Darstellung von Blutungen, Knochenveränderungen oder Organverletzungen
- Röntgen: Bei Verdacht auf Knochenbruch, z.B. Klavikulafraktur
- MRT oder CT: Bei Verdacht auf Hirnblutung oder schwerwiegende innere Verletzungen
- Neurologische Untersuchung: Zur Beurteilung von Nervenschäden, z.B. bei Plexusparese
- Psychologische Diagnostik: Bei Verdacht auf psychisches Geburtstrauma der Mutter
Behandlung
Behandlung beim Neugeborenen
Die Therapie richtet sich nach der Art und dem Schweregrad der Verletzung:
- Leichte Weichteilverletzungen: Abwartende Beobachtung; spontane Heilung in der Regel innerhalb weniger Tage
- Klavikulafraktur: Ruhigstellung des Armes; vollständige Heilung in wenigen Wochen
- Plexus-brachialis-Parese: Frühzeitige Physiotherapie; bei schweren Fällen chirurgische Eingriffe
- Hypoxisch-ischämische Enzephalopathie: Kühlungstherapie (therapeutische Hypothermie), intensivmedizinische Betreuung und langfristige Nachsorge
Behandlung bei der Mutter
- Dammrisse und Beckenbodenverletzungen: Nähte, Beckenbodengymnastik und physiotherapeutische Beckenbodenrehabilitation
- Inkontinenz: Beckenbodentraining, ggf. operative Eingriffe
- Psychisches Geburtstrauma / PTBS: Psychotherapie (insbesondere EMDR - Eye Movement Desensitization and Reprocessing), Traumatherapie und psychiatrische Unterstützung
Vorbeugung
Nicht jedes Geburtstrauma lässt sich verhindern, jedoch können bestimmte Maßnahmen das Risiko verringern:
- Gute Geburtsvorbereitung und Aufklärung der Eltern
- Sorgfältige Geburtsplanung und -begleitung durch erfahrenes Fachpersonal
- Einsatz schonender geburtshilflicher Techniken
- Emotionale Unterstützung während der Geburt (Doula, Hebamme)
- Frühzeitige psychologische Unterstützung nach belastenden Geburtserlebnissen
Quellen
- World Health Organization (WHO) - Intrapartum care for a positive childbirth experience (2018). Verfügbar unter: https://www.who.int
- Volpe JJ - Neurology of the Newborn, 5. Auflage. Saunders Elsevier (2008).
- Rath W, Gembruch U, Schmidt S - Geburtshilfe und Perinatalmedizin. Thieme Verlag (2010).