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Die Lotusgeburt (englisch: Lotus Birth) ist eine alternative Geburtspraxis, bei der nach der Entbindung auf das Durchtrennen der Nabelschnur vollständig verzichtet wird. Stattdessen verbleibt das Neugeborene so lange mit der Plazenta verbunden, bis die Nabelschnur von selbst austrocknet, einschrumpft und sich natürlich vom Nabel des Kindes löst. Dieser Prozess dauert in der Regel zwischen drei und zehn Tagen. Die Praxis hat ihren Ursprung in spirituellen und alternativmedizinischen Bewegungen und wird von manchen Eltern als sanfter Übergang für das Neugeborene in die Welt betrachtet.
Die moderne Lotusgeburt geht auf die US-amerikanerin Clair Lotus Day zurück, die in den 1970er Jahren die Praxis popularisierte. In spirituellen Gemeinschaften wird argumentiert, dass das Belassen der Plazenta das Neugeborene energetisch und emotional schütze und einen schonenden Übergang vom Mutterleib in die Außenwelt ermögliche. In manchen Kulturen, etwa in Teilen Indonesiens und Balis, existieren ähnliche Traditionen mit religiösem Hintergrund.
Nach der Geburt wird die Plazenta gereinigt und häufig mit Salz eingerieben sowie mit Kräutern oder Blüten bedeckt, um den Verwesungsprozess zu verlangsamen und Gerüche zu reduzieren. Die Plazenta wird in ein Tuch oder einen speziellen Beutel eingewickelt und gemeinsam mit dem Neugeborenen transportiert. Das Kind muss bei jeder Bewegung vorsichtig gehandhabt werden, damit die Nabelschnur nicht unter Zug gerät.
Aus medizinischer Sicht wird die Lotusgeburt von Fachärzten und Fachgesellschaften klar abgelehnt. Es gibt keine wissenschaftlichen Belege für einen gesundheitlichen Nutzen dieser Praxis. Im Gegenteil: Die verbleibende Plazenta stellt nach der Geburt totes Gewebe dar, das sich rasch zu zersetzen beginnt und als idealer Nährboden für Bakterien dient.
In der Fachliteratur sind Fallberichte dokumentiert, in denen Neugeborene nach einer Lotusgeburt mit schweren Infektionen, einschließlich Sepsis und Leberabszessen, in die Klinik eingeliefert wurden. Die American Academy of Pediatrics (AAP) sowie europäische Geburtsmediziner warnen ausdrücklich vor dieser Praxis.
In den meisten Ländern, darunter Deutschland, Österreich und die Schweiz, ist das Durchtrennen der Nabelschnur nach der Geburt medizinischer Standard. Hebammen und Geburtshelfer sind verpflichtet, nach den Regeln der medizinischen Kunst zu handeln. Die Lotusgeburt widerspricht diesen Standards und ist in klinischen Einrichtungen in der Regel nicht durchführbar. Eltern, die diese Praxis anstreben, handeln auf eigenes Risiko und sollten umfassend über die möglichen Gefahren aufgeklärt werden.
Eltern, die sich eine sanfte und natürliche Geburt wünschen, können auf medizinisch anerkannte Alternativen zurückgreifen, wie etwa das verzögerte Abnabeln (englisch: delayed cord clamping). Dabei wird die Nabelschnur erst nach 60 bis 180 Sekunden oder nach dem Auspulsieren durchtrennt. Diese Methode ist wissenschaftlich gut belegt und zeigt nachgewiesene Vorteile für das Neugeborene, insbesondere in Bezug auf die Eisenversorgung und den Blutvolumentransfer.