Nesselsucht
Was ist Nesselsucht?
Nesselsucht, medizinisch als Urtikaria bezeichnet, ist eine weit verbreitete Hautreaktion, die sich durch plötzlich auftretende, stark juckende Quaddeln (erhabene, rötliche Hautveränderungen) und Schwellungen auszeichnet. Der Name leitet sich von der Brennnessel ab, deren Berührung ähnliche Hautreaktionen hervorrufen kann. Nesselsucht kann in jedem Alter auftreten und betrifft Frauen etwas häufiger als Männer. Schätzungen zufolge erlebt etwa jeder fünfte Mensch mindestens einmal im Leben eine Episode von Nesselsucht.
Formen der Nesselsucht
Die Nesselsucht wird je nach Dauer des Verlaufs in verschiedene Formen unterteilt:
- Akute Urtikaria: Die Beschwerden dauern weniger als sechs Wochen. Diese Form ist häufig durch Infektionen, Allergien oder Medikamente ausgelöst.
- Chronische Urtikaria: Die Symptome bestehen länger als sechs Wochen und können über Monate oder Jahre anhalten. Sie wird weiter unterteilt in die chronisch spontane und die chronisch induzierbare Urtikaria.
- Angiodem: Eine Begleiterscheinung, bei der es zu tiefer liegenden Schwellungen, häufig im Gesicht, an Lippen oder Zunge, kommt.
Ursachen und Auslöser
Nesselsucht entsteht, wenn bestimmte Immunzellen in der Haut, sogenannte Mastzellen, aktiviert werden und dabei Botenstoffe wie Histamin freisetzen. Dieses Histamin führt zu den typischen Symptomen wie Juckreiz, Rötung und Schwellung. Die Auslöser können sehr unterschiedlich sein:
- Allergene: Bestimmte Nahrungsmittel (z. B. Nüsse, Meesfrüchte, Eier), Insektenstiche oder Tierhaarallergien
- Medikamente: Schmerzmittel wie Aspirin oder Ibuprofen, Antibiotika (z. B. Penicillin)
- Infektionen: Bakterielle oder virale Infekte, insbesondere bei akuter Urtikaria
- Physikalische Reize: Kälte, Wärme, Druck, Licht oder Wasser können die sogenannte induzierbare Urtikaria auslösen
- Stress: Psychischer Stress kann Symptome verstärken oder auslösen
- Autoimmunreaktionen: Bei der chronisch spontanen Urtikaria richten sich Antikörper irrtümlich gegen körpereigene Strukturen
- Unbekannte Ursachen: In vielen Fällen lässt sich kein konkreter Auslöser finden (idiopathische Urtikaria)
Symptome
Die typischen Beschwerden bei Nesselsucht sind:
- Plötzlich auftretende, juckende Quaddeln mit rotem Rand und hellem Zentrum
- Quaddeln, die ihren Ort wechseln und meist innerhalb von 24 Stunden wieder verschwinden
- Brennen oder Hitzegefühl auf der Haut
- Schwellungen (Angiodem), besonders an Lippen, Augenlidern, Händen oder Fußsohlen
- In schweren Fällen: Atemnot, Schluckbeschwerden oder Kreislaufprobleme (anaphylaktische Reaktion – medizinischer Notfall)
Diagnose
Die Diagnose der Nesselsucht basiert in erster Linie auf dem klinischen Bild und der Krankengeschichte des Patienten. Der Arzt oder die Ärztin erfragt mögliche Auslöser und den zeitlichen Verlauf der Beschwerden. Je nach Verdachtsdiagnose können zusätzliche Untersuchungen sinnvoll sein:
- Blutuntersuchungen: Entzündungswerte, Allergie-Antikörper (IgE), Schilddrüsenwerte und Autoantikörper
- Allergietests: Hautpricktest oder RAST-Test zur Identifikation von Allergenen
- Provokationstests: Gezielte Exposition gegenüber physikalischen Reizen (z. B. Kälte oder Druck) zur Diagnose der induzierbaren Urtikaria
- Tagebuch: Das Führen eines Symptomtagebuchs hilft, mögliche Auslöser zu identifizieren
Behandlung
Die Behandlung der Nesselsucht richtet sich nach der Ursache, der Schwere der Symptome und dem Verlauf der Erkrankung. Ziel ist es, Symptome zu lindern und Auslöser zu meiden.
Medikamentöse Therapie
- Antihistaminika: Mittel der ersten Wahl sind moderne, nicht müde machende Antihistaminika (z. B. Cetirizin, Loratadin, Fexofenadin). Sie blockieren die Wirkung von Histamin an den Rezeptoren der Haut.
- Kortison: Bei schweren Schuben kann kurzfristig Kortison eingesetzt werden, um die Entzündungsreaktion schnell zu dämpfen.
- Omalizumab: Ein biologisches Medikament (Antikörper), das bei chronischer Urtikaria eingesetzt wird, wenn Antihistaminika nicht ausreichend wirken.
- Notfallmedikamente: Bei schweren allergischen Reaktionen oder Anaphylaxie ist Adrenalin (Epinephrin) als Notfallmedikament lebensrettend.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
- Identifikation und Vermeidung bekannter Auslöser
- Kühlende Lotionen oder Kompressen zur Linderung des Juckreizes
- Stressreduktion durch Entspannungsverfahren
- Anpassen der Ernahrung bei nahrungsmittelbedingter Urtikaria
Wann zum Arzt?
Bei erstmaligem Auftreten von Nesselsucht, bei Symptomen, die länger als wenige Tage anhalten, oder bei begleitenden Schwellungen im Gesichts- oder Halsbereich sollte umgehend ärztlicher Rat eingeholt werden. Treten zusätzlich Atemnot, Schwindel oder Bewusstlosigkeit auf, handelt es sich um einen medizinischen Notfall – in diesem Fall sofort den Notruf (112) wählen.
Quellen
- Zuberbier T. et al. - The EAACI/GA(2)LEN/EDF/WAO guideline for the definition, classification, diagnosis and management of urticaria. Allergy, 2022.
- Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) - S3-Leitlinie Urtikaria, 2022. Verfugbar unter: www.awmf.org
- Kaplan AP - Chronic urticaria: Pathogenesis and treatment. Journal of Allergy and Clinical Immunology, 2004.