Was sind Dreimonatskoliken?
Dreimonatskoliken (auch Säuglingskoliken oder infantile Koliken genannt) bezeichnen wiederkehrende, längere Schreiepisoden bei ansonsten gesunden Säuglingen. Das regelmäßige, intensive Schreien beginnt typischerweise in den ersten Lebenswochen, erreicht seinen Höhepunkt rund um den zweiten Lebensmonat und klingt meist bis zum dritten oder vierten Lebensmonat wieder ab – daher der Name „Dreimonatskoliken“.
Die häufig verwendete Definition nach Wessel beschreibt Koliken als Schreiepisoden, die an mehr als drei Tagen pro Woche, mehr als drei Stunden pro Tag und über mehr als drei Wochen auftreten (die sogenannte „Dreier-Regel“). Schätzungen zufolge sind zwischen 10 und 40 Prozent aller Säuglinge betroffen.
Ursachen
Die genaue Ursache der Dreimonatskoliken ist bis heute nicht vollständig geklärt. Mehrere Faktoren werden diskutiert:
- Unreifes Verdauungssystem: Der Darm des Säuglings ist in den ersten Lebensmonaten noch nicht vollständig ausgereift, was zu vermehrter Gasbildung und Darmspasmen führen kann.
- Verändertes Darmmikrobiom: Studien deuten darauf hin, dass Säuglinge mit Koliken eine veränderte Zusammensetzung der Darmflora aufweisen, mit weniger Laktobazillen und mehr gasbildenden Bakterien.
- Erhöhte Schmerzempfindlichkeit: Manche Säuglinge reagieren sensibler auf Reize aus der Umgebung oder auf Körperempfindungen.
- Ernährung der Mutter: Bei gestillten Kindern wird diskutiert, ob bestimmte Nahrungsmittel der Mutter (z. B. Kuhmilchproteine, Koffein) die Beschwerden verstärken können.
- Kuhmilchproteinallergie: In einem Teil der Fälle kann eine Unverträglichkeit gegenüber Kuhmilchproteinen vorliegen.
- Psychosoziale Faktoren: Stress in der Familie, die Anspannung der Eltern sowie das allgemeine häusliche Umfeld können das Schreien begünstigen.
Symptome
Das Leitsymptom der Dreimonatskoliken ist das intensive, schwer zu beruhigende Schreien des Säuglings. Typische Begleitzeichen sind:
- Anziehen der Beine an den Bauch
- Aufgeblähter, harter Bauch
- Gerötetes, angespanntes Gesicht beim Schreien
- Schreiepisoden bevorzugt am späten Nachmittag oder Abend
- Abgang von Winden während oder nach dem Schreien
- Kurzfristige Beruhigung beim Stillen oder durch Herumtragen, aber rasches erneutes Einsetzen des Schreiens
Wichtig: Der Säugling trinkt gut, nimmt regelmäßig zu und ist außerhalb der Schreiphasen zufrieden – dies unterscheidet Koliken von ernsteren Erkrankungen.
Diagnose
Die Diagnose der Dreimonatskoliken wird klinisch gestellt, das heißt auf Basis der Krankengeschichte und der körperlichen Untersuchung. Es gibt keinen spezifischen Test. Der Kinderarzt oder die Kinderärztin schließt zunächst andere organische Ursachen für das Schreien aus, wie zum Beispiel:
- Gastroösophagealer Reflux (Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre)
- Kuhmilchproteinallergie
- Infektionen (z. B. Mittelohrentzündung, Harnwegsinfekt)
- Invagination (Darmeinstockung, ein Notfall)
- Andere chirurgische Erkrankungen
Warnsignale, die eine dringende ärztliche Abklärung erfordern, sind Fieber, Blut im Stuhl, Erbrechen, mangelnde Gewichtszunahme oder ein verändertes Bewusstsein des Säuglings.
Behandlung und Tipps für Eltern
Eine einheitliche, wirksame Behandlung der Dreimonatskoliken existiert nicht. Die meisten Maßnahmen zielen darauf ab, den Säugling zu beruhigen und die Eltern zu entlasten:
Allgemeine Massnahmen
- Herumtragen und Bewegung: Rhythmisches Schaukeln, Tragen in aufrechter Position oder Fahrten im Kinderwagen können lindernd wirken.
- Wärme: Ein warmes Bad oder eine Wärmflasche (gut gepolstert) auf dem Bauch kann die Bauchmuskulatur entspannen.
- Bauchmassage: Sanfte, kreisende Massagen im Uhrzeigersinn auf dem Bauch des Säuglings können die Darmperistaltik anregen.
- Geringhaltung von Luftschlucken: Regelmäßiges Aufstoenlassen nach dem Füttern, aufrechte Haltung während des Trinkens.
- Reizreduktion: Ruhige, gedimmte Umgebung in den Abendstunden.
Ernährungsbezogene Massnahmen
- Bei gestillten Säuglingen kann ein versuchsweiser Verzicht der Mutter auf Kuhmilchprodukte für zwei bis vier Wochen erwogen werden.
- Bei Flaschenkindern kann ein Wechsel zu einer hypoallergenen (HA-)Nahrung in Betracht gezogen werden, wenn eine Kuhmilchproteinallergie vermutet wird.
Probiotika
Studien zeigen, dass das Probiotikum Lactobacillus reuteri DSM 17938 bei gestillten Säuglingen mit Koliken die Schreidauer signifikant reduzieren kann. Die Wirksamkeit bei nicht gestillten Säuglingen ist weniger eindeutig belegt. Die Gabe sollte mit dem Kinderarzt oder der Kinderärztin besprochen werden.
Medikamentose Optionen
Einige pflanzliche Präparate (z. B. Fenchel, Kamille, Melisse) werden traditionell eingesetzt, die wissenschaftliche Evidenz ist jedoch begrenzt. Von der Anwendung von Simethicon (schaumhemmendes Mittel) wird von einigen Fachgesellschaften abgeraten, da kontrollierte Studien keinen überzeugenden Vorteil gezeigt haben.
Unterstutzung fur Eltern
Das anhaltende Schreien des Säuglings ist für Eltern eine erhebliche psychische Belastung. Wichtig ist:
- Den Säugling niemals schütteln – dies kann lebensbedrohliche Verletzungen verursachen (Schütteltrauma).
- Bei extremer Erschop fung eine Auszeit nehmen und den Säugling kurzzeitig sicher ablegen.
- Unterstützung durch Hebammen, Schreiambulanzen oder psychosoziale Beratungsstellen suchen.
Prognose
Die gute Nachricht für betroffene Eltern: Dreimonatskoliken sind selbstlimitierend, das heißt, sie verschwinden in aller Regel von selbst. Bei den meisten Säuglingen bessern sich die Beschwerden deutlich bis zum Ende des dritten Lebensmonats und sind spätestens nach dem vierten bis sechsten Lebensmonat vollständig abgeklungen. Langfristige gesundheitliche Folgen für das Kind sind nicht bekannt.
Quellen
- Zeevenhooven J, Koppen IJN, Benninga MA. The New Rome IV Criteria for Functional Gastrointestinal Disorders in Infants and Toddlers. Pediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition. 2017;20(1):1-13.
- Sung V, Hiscock H, Tang MLK, et al. Treating infant colic with the probiotic Lactobacillus reuteri: double blind, placebo controlled randomised trial. BMJ. 2014;348:g2107.
- Wolke D, Bilgin A, Samara M. Systematic review and meta-analysis: fussing and crying durations and prevalence of colic in infants. Journal of Pediatrics. 2017;185:55-61.