Was ist die zweite Schwangerschaft?
Die zweite Schwangerschaft bezeichnet eine Schwangerschaft bei einer Frau, die bereits ein Kind geboren hat. In der medizinischen Fachsprache wird sie als Zweitgravida bezeichnet. Viele Frauen stellen fest, dass die zweite Schwangerschaft sich in verschiedener Hinsicht von der ersten unterscheidet – sowohl körperlich als auch emotional. Der Gebärmutter-Muskel und das Bindegewebe sind bereits gedehnt, was dazu führt, dass der Bauch früher sichtbar wird und manche Beschwerden früher einsetzen.
Körperliche Veränderungen in der zweiten Schwangerschaft
Der Körper einer Frau, die bereits einmal schwanger war, reagiert häufig schneller und deutlicher auf die hormonellen Veränderungen. Typische körperliche Unterschiede zur ersten Schwangerschaft sind:
- Früheres Sichtbarwerden des Bauches: Da die Bauchmuskulatur und das Bindegewebe bereits gedehnt wurden, wächst der Bauch oft schneller.
- Früheres Spüren der Kindsbewegungen: Viele Frauen nehmen die Bewegungen des Kindes (sogenannte Quickening) bereits ab der 16. bis 18. Schwangerschaftswoche wahr, während es bei der ersten Schwangerschaft häufig erst ab der 20. Woche der Fall ist.
- Mehr Rückenschmerzen und Beckendruck: Durch die bereits gelockerten Bänder und die schwächere Bauchmuskulatur treten Rückenbeschwerden oft früher auf.
- Braxton-Hicks-Kontraktionen: Diese Übungswehen können in der zweiten Schwangerschaft intensiver und früher auftreten.
- Varizen und Hämorrhoiden: Das Risiko für Krampfadern und Hämorrhoiden kann in der zweiten Schwangerschaft erhöht sein.
Emotionale Aspekte
Emotional erleben viele Frauen die zweite Schwangerschaft anders als die erste. Einerseits bringt die Erfahrung aus der ersten Schwangerschaft mehr Sicherheit und Wissen. Andererseits stellt die Vereinbarkeit von Schwangerschaft und der Betreuung des ersten Kindes eine zusätzliche Herausforderung dar. Häufige emotionale Aspekte sind:
- Weniger Aufregung über einzelne Meilensteine, da diese bereits bekannt sind
- Sorgen über die Veränderung der Familienstruktur und die Reaktion des erstgeborenen Kindes
- Zeitdruck durch die Doppelbelastung mit dem ersten Kind
- Erhöhtes Risiko für pränatale Erschöpfung
Ernährung und Nahrungsergänzung in der zweiten Schwangerschaft
Die Nährstoffanforderungen in der zweiten Schwangerschaft sind mit denen der ersten vergleichbar. Besonders wichtig sind:
- Folsäure: Mindestens 400 Mikrogramm täglich, idealerweise bereits vor der Empfängnis, zur Vorbeugung von Neuralrohrdefekten.
- Eisen: Besonders wichtig, da die Eisenspeicher nach einer vorangegangenen Schwangerschaft und Stillzeit möglicherweise noch nicht vollständig aufgefüllt sind.
- Jod: Unterstützt die Schilddrüsenfunktion und die Gehirnentwicklung des Kindes.
- Kalzium und Vitamin D: Wichtig für den Knochenaufbau des Kindes und den Erhalt der mütterlichen Knochengesundheit.
- Omega-3-Fettsäuren (DHA): Fördern die Gehirn- und Augenentwicklung des ungeborenen Kindes.
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, magerem Protein und Milchprodukten bildet die Grundlage. Eine spezifische pränatale Nahrungsergänzung kann in Absprache mit dem behandelnden Arzt oder der Hebamme sinnvoll sein.
Vorsorgeuntersuchungen und medizinische Begleitung
Auch in der zweiten Schwangerschaft sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen unverzichtbar. Die in Deutschland vorgesehenen Mutterschaftsvorsorgeuntersuchungen gemäß den Mutterschaftsrichtlinien umfassen:
- Blutdruckmessungen und Urinkontrollen
- Ultraschalluntersuchungen (in der Regel in der 9.–12., 19.–22. und 29.–32. Schwangerschaftswoche)
- Blutuntersuchungen (z.B. Blutbild, Blutgruppe, Röteln-Immunität, Eisenwerte)
- Kontrolle des Wachstums des Kindes
- Gestationsdiabetes-Screening zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche
Frauen, die bereits eine Schwangerschaftskomplikation hatten (z.B. Präeklampsie, Frühgeburt oder Gestationsdiabetes), sollten dies ihrer Frauenärztin oder ihrem Frauenarzt mitteilen, da diese Zustände in der zweiten Schwangerschaft erneut auftreten können.
Risiken und Besonderheiten
Die zweite Schwangerschaft gilt in der Regel als sicher, wenn die erste Schwangerschaft komplikationslos verlaufen ist. Dennoch gibt es einige Besonderheiten zu beachten:
- Schwangerschaftsabstand: Ein zu kurzer Abstand zwischen zwei Schwangerschaften (weniger als 18 Monate nach der Geburt) kann das Risiko für Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht und mütterliche Ernährungsmängel erhöhen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt einen Abstand von mindestens 24 Monaten zwischen Geburt und nächster Empfängnis.
- Uterusruptur: Bei Frauen mit einem vorangegangenen Kaiserschnitt besteht bei einer vaginalen Geburt in der zweiten Schwangerschaft ein leicht erhöhtes Risiko für eine Uterusruptur. Dieses Risiko muss individuell mit dem Geburtsmediziner besprochen werden.
- Plazenta praevia: Das Risiko für eine tief sitzende Plazenta kann nach vorherigen Gebärmuttereingriffen erhöht sein.
Geburt in der zweiten Schwangerschaft
Viele Frauen erleben die zweite Geburt als kürzer und weniger schmerzhaft als die erste, da der Gebärmutterhals und die Geburtskanäle bereits einmal gedehnt wurden. Studien zeigen, dass die Einleitungsphase (Latenzphase) und die aktive Eröffnungsphase bei Zweitgebärenden signifikant kürzer sein können. Dies gilt jedoch nicht in jedem Fall – jede Schwangerschaft und jede Geburt ist individuell.
Frauen, die ihren ersten Kind per Kaiserschnitt zur Welt gebracht haben, haben in der zweiten Schwangerschaft häufig die Möglichkeit, eine vaginale Geburt nach Kaiserschnitt (VBAC) anzustreben, sofern keine medizinischen Gegenindikationen bestehen.
Stillen und vorherige Stillerfahrung
Frauen, die ihr erstes Kind gestillt haben, bringen in der zweiten Schwangerschaft häufig wertvolle Erfahrungen mit. Die Milchproduktion (Laktation) kann nach einer vorangegangenen Stillzeit schneller einsetzen. Wer während der zweiten Schwangerschaft noch das erste Kind stillt (Tandemsäugen), sollte dies mit einer Hebamme oder Stillberaterin besprechen, da besondere ernährungsphysiologische Anforderungen bestehen.
Quellen
- Weltgesundheitsorganisation (WHO): Interpregnancy Interval and Maternal and Child Health Outcomes. WHO, Genf, 2005. Verfügbar unter: https://www.who.int
- Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA): Mutterschafts-Richtlinien. G-BA, Berlin, aktuelle Fassung. Verfügbar unter: https://www.g-ba.de
- Cunningham FG et al.: Williams Obstetrics, 25. Auflage. McGraw-Hill Education, New York, 2018.