Sturzgeburt
Was ist eine Sturzgeburt?
Als Sturzgeburt bezeichnet man eine Entbindung, die sehr plötzlich und mit ungewohnt hoher Geschwindigkeit verläuft. Medizinisch spricht man von einer Sturzgeburt, wenn die gesamte Geburtsphase – vom Einsetzen regelmäßiger Wehen bis zur Geburt des Kindes – weniger als zwei Stunden dauert. In manchen Definitionen wird auch ein Zeitraum von unter drei Stunden verwendet. Im Volksmund wird sie auch als Blitzgeburt bezeichnet. Sturzgeburten sind relativ selten und treten häufiger bei Mehrgebärenden auf, da der Geburtskanal bereits vorbereitet ist.
Ursachen und Risikofaktoren
Die genauen Ursachen einer Sturzgeburt sind nicht immer eindeutig klärbar. Folgende Faktoren können das Risiko erhöhen:
- Mehrgebärende (Multipara): Frauen, die bereits mehrere Kinder geboren haben, haben häufiger Sturzgeburten, da Gebärmutter und Geburtskanal auf Geburten vorbereitet sind.
- Kraftvolle Wehentätigkeit: Überdurchschnittlich starke und häufige Kontraktionen können den Geburtsverlauf stark beschleunigen.
- Kleines Kind: Ein leichtes oder kleines Kind passiert den Geburtskanal schneller.
- Günstige anatomische Verhältnisse: Ein weites Becken oder ein gut vorbereiteter Muttermundsbefund kann den Geburtsverlauf verkürzen.
- Frühgeburt: Auch Frühgeborene kommen manchmal als Sturzgeburt zur Welt.
- Iatrogene Einleitung: Eine medikamentöse Geburtseinleitung kann in seltenen Fällen zu einem überschießenden Wehenverlauf führen.
Symptome und Verlauf
Typischerweise beginnt eine Sturzgeburt mit plötzlich einsetzenden, sehr intensiven und rasch aufeinanderfolgenden Wehen. Betroffene Frauen berichten oft, dass sie die Wehensärke mit einer normalen Geburt nicht vergleichen können. Folgende Anzeichen können auf eine Sturzgeburt hindeuten:
- Sehr schnell aufeinander folgende, starke Wehen von Anfang an
- Intensiver, frühzeitiger Pressdrang
- Rascher Blasensprung
- Gefühl, dass die Geburt unmittelbar bevorsteht, noch bevor eine medizinische Einrichtung erreicht werden kann
Da die Geburt so schnell verläuft, findet sie nicht selten außerhalb einer Klinik statt – etwa zuhause, im Auto oder an einem anderen öffentlichen Ort.
Mögliche Risiken und Komplikationen
Obwohl manche Sturzgeburten komplikationslos verlaufen, birgt die extreme Geschwindigkeit medizinische Risiken für Mutter und Kind:
Risiken für die Mutter
- Gebärmutterhalsverletzungen und Dammrisse: Durch den schnellen Durchtritt des Kindes kann das Gewebe stark beansprucht werden.
- Postpartale Blutungen: Die rasche Dehnung der Gebärmutter erhöht das Risiko von Nachblutungen.
- Psychische Belastung: Eine ungeplante, unkontrollierte Geburt kann traumatische Erlebnisse hinterlassen.
Risiken für das Kind
- Geburtsverletzungen: Der schnelle Druckwechsel kann zu kleineren Blutungen oder Verletzungen beim Kind führen.
- Sauerstoffunterversorgung: Sehr starke und anhaltende Kontraktionen können die Sauerstoffversorgung des Kindes kurzzeitig einschränken.
- Unterkühlung: Besonders bei einer Geburt außerhalb der Klinik besteht das Risiko einer Unterkühlung des Neugeborenen.
- Infektionen: Fehlende sterile Bedingungen erhöhen das Infektionsrisiko.
Was tun bei einer Sturzgeburt?
Wer merkt, dass eine Geburt unmittelbar bevorsteht und keine Zeit mehr für den Weg in die Klinik bleibt, sollte folgende Schritte beachten:
- Notruf wählen (112): Sofort den Notruf anrufen – die Leitstelle kann über Telefon durch die Geburt begleiten.
- Ruhige Position einnehmen: Die Frau sollte sich hinlegen oder hinknien und eine möglichst bequeme Position einnehmen.
- Nicht pressen: Wenn möglich, sollte versucht werden, den Pressdrang kurz zu kontrollieren, um einen zu schnellen Durchtritt des Kopfes zu vermeiden.
- Wärme sicherstellen: Das Neugeborene sofort in Handtücher oder Kleidung einwickeln, um Unterkühlung zu verhindern.
- Nabelschnur: Die Nabelschnur sollte nicht selbst durchtrennt werden – darauf warten, bis Fachpersonal eintrifft.
Behandlung und Nachversorgung
Nach einer Sturzgeburt ist eine sorgfältige medizinische Nachversorgung unerlässlich. Mutter und Kind werden umgehend ärztlich untersucht. Beim Kind wird der Apgar-Score bestimmt, der den Gesundheitszustand des Neugeborenen bewertet. Bei der Mutter wird auf Verletzungen, Blutungen und den Abgang der Plazenta geachtet. Eine psychologische Begleitung kann bei Bedarf angeboten werden, insbesondere wenn die Geburt als traumatisch erlebt wurde.
Quellen
- Schneider, H., Husslein, P., Schneider, K. T. M. (Hrsg.): Die Geburtshilfe. 5. Auflage, Springer Medizin Verlag, Berlin Heidelberg 2016.
- World Health Organization (WHO): WHO recommendations: intrapartum care for a positive childbirth experience. Geneva: WHO, 2018. Verfügbar unter: https://www.who.int/publications/i/item/9789241550215
- Sheiner, E., Levy, A., Mazor, M.: Precipitate labor: higher rates of maternal complications. European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology, 2004; 116(1): 43–47.