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Wehen Cocktail

Was ist der Wehen Cocktail?

Der sogenannte Wehen Cocktail ist ein selbst zubereitetes Getränk, das schwangere Frauen traditionell zur natürlichen Anregung von Wehen einsetzen, wenn der errechnete Geburtstermin überschritten ist oder eine Geburtseinleitung erwünscht wird. Das bekannteste Rezept besteht aus einer Mischung von Rizinusöl, Aprikosensaft oder Orangensaft sowie weiteren Zutaten wie Mandelöl oder Zitronenverveine-Tee. Das Getränk wird auch als Rizinus-Cocktail bezeichnet. Es handelt sich dabei nicht um ein medizinisch standardisiertes Verfahren, sondern um eine traditionelle Hebammenempfehlung, die in einigen Geburtskliniken unter Aufsicht eingesetzt wird.

Zutaten und typische Rezepte

Die genaue Zusammensetzung des Wehen Cocktails variiert je nach Region, Hebamme oder Klinik. Ein weit verbreitetes Rezept enthält:

  • Rizinusöl (meist 50 ml): der wirksame Hauptbestandteil
  • Aprikosensaft oder Mandelsirup (als Trägerfluüssigkeit und zur Geschmacksverbesserung)
  • Mandelöl oder Aprikosenkernelöl
  • Lemon-Verbena-Tee (Zitronenverveine)

Die Zutaten werden miteinander gemixt oder geschüttelt und sollten stets gut emulgiert sein, damit das Öl möglichst gleichmäßig verteilt wird. Mengen und Zusammensetzung können je nach Empfehlung abweichen.

Wirkmechanismus

Der entscheidende Wirkstoff im Wehen Cocktail ist Rizinusöl (Lat.: Oleum Ricini), das aus den Samen der Rizinuspflanze (Ricinus communis) gewonnen wird. Es enthält hauptsächlich Rizinolsäure, eine Fettsäure, die im Dünndarm durch Lipasen in Rizinolsäure gespalten wird.

Diese Rizinolsäure bindet an EP3-Prostaglandinrezeptoren im Darm und in der Gebärmutter und löst dadurch:

  • Verstärkte Darmbewegungen (peristaltische Aktivität), die zu Durchfall führen können
  • Stimulation der Uterusmuskulatur durch Prostaglandine, die Wehen auslösen oder verstärken können

Die Reizung des Darms führt zu einer indirekten Stimulation der Gebärmutter, da Darm und Uterus anatomisch eng benachbart sind und über Prostaglandinsignale miteinander in Wechselwirkung stehen.

Anwendung und Zeitpunkt

Der Wehen Cocktail wird in der Regel ab der vollendeten 40. Schwangerschaftswoche oder später eingesetzt, wenn der Muttermund bereits leicht eröffnet oder die Zervix ankündigt ist. In einigen Geburtskliniken wird er unter ärztlicher Aufsicht als ergänzende Maßnahme zur Geburtseinleitung angeboten.

Wichtig ist, dass die Anwendung nur nach Rücksprache mit einer Hebamme oder einem Arzt bzw. einer Ärztin erfolgen sollte. Eine eigenständige Einnahme ohne medizinische Begleitung wird nicht empfohlen.

Mögliche Risiken und Nebenwirkungen

Der Wehen Cocktail gilt nicht als risikofreies Hausmittel. Mögliche Nebenwirkungen und Risiken umfassen:

  • Starker Durchfall und Übelkeit bei der Mutter, verbunden mit Flüssigkeitsverlust
  • Unangenehmer Geschmack und Erbrechen
  • Mekoniumabgang beim Ungeborenen (erster Stuhlgang des Kindes in der Fruchtblase), was das Risiko einer Mekoniumaspiration erhöht
  • Hyperstimulation des Uterus: zu starke, zu häufige Wehen, die den Fetus belasten können
  • Keine Wirkung bei noch nicht geburtsreifem Muttermund

Aufgrund dieser Risiken empfehlen viele medizinische Fachgesellschaften eine kritische Abwägung und betonen, dass ein Wehen Cocktail nur unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt werden sollte.

Wissenschaftliche Evidenz

Klinische Studien zur Wirksamkeit des Wehen Cocktails liefern uneinheitliche Ergebnisse. Einige Studien, darunter eine Studie der Universitätsklinik Frankfurt, zeigten, dass Rizinusöl die Rate spontaner Geburten innerhalb von 24 Stunden im Vergleich zu einem Placebo erhöhen kann. Andere Studien bestätigen jedoch keinen signifikanten Vorteil und warnen vor unerwünschten Nebenwirkungen.

Die Datenlage reicht derzeit nicht aus, um den Wehen Cocktail als Standardmethode zur Geburtseinleitung zu empfehlen. Er wird daher von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) nicht in den offiziellen Leitlinien zur Geburtseinleitung aufgeführt.

Alternativen zur natürlichen Geburtseinleitung

Neben dem Wehen Cocktail gibt es weitere Methoden, die zur natürlichen Anregung von Wehen diskutiert werden:

  • Brustwarzenstimulation zur Oxytocinausschüttung
  • Spaziergänge und körperliche Aktivität
  • Akupunktur und Akupressur
  • Sexualverkehr (Prostaglandine im Sperma)
  • Medizinische Einleitung durch den Arzt mit Prostaglandingel oder Oxytocin-Infusion

Bei medizinisch notwendiger Einleitung sollte stets ein gynäkologisch-geburtshilfliches Team eingebunden werden.

Quellen

  1. Boel M.E. et al. - Castor oil for induction of labour: not harmful, not helpful. - Australian and New Zealand Journal of Obstetrics and Gynaecology (2009), 49(5):499-503.
  2. Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) - Leitlinie: Geburtseinleitung (2020). Verfügbar unter: www.dggg.de
  3. Tunaru S. et al. - Castor oil induces laxation and uterus contraction via ricinoleic acid activating prostaglandin EP3 receptors. - PNAS (2012), 109(23):9179-9184.
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