Wehentropf
Was ist ein Wehentropf?
Der Begriff Wehentropf bezeichnet eine intra-venöse Infusion, die in der Geburtshilfe eingesetzt wird, um Wehen einzuleiten (Geburtseinleitung) oder bereits bestehende Wehen zu verstärken und zu regulieren. Der Wirkstoff, der dabei am häufigsten verwendet wird, ist Oxytocin – ein körpereigenes Hormon, das natürlicherweise im Gehirn gebildet wird und eine zentrale Rolle bei der Geburt spielt. Der Wehentropf wird als kontrollierte Dauerinfusion über eine Vene am Arm der Schwangeren verabreicht, wobei die Dosierung individuell und schrittweise angepasst wird.
Wirkmechanismus
Oxytocin bindet an spezifische Rezeptoren in der Gebärmuttermuskulatur (Myometrium) und löst so rhythmische Kontraktionen aus. Gegen Ende der Schwangerschaft nimmt die Dichte dieser Rezeptoren zu, weshalb die Gebärmutter zu diesem Zeitpunkt besonders empfindlich auf Oxytocin reagiert. Die Infusion ermöglicht eine genaue Steuerung der Wehenstärke und -frequenz durch das medizinische Personal, da die Dosierung jederzeit angepasst oder gestoppt werden kann.
Anwendungsgebiete
- Geburtseinleitung: Wenn die Schwangerschaft über den errechneten Termin hinausgeht oder medizinische Gründe eine frühzeitige Entbindung erfordern (z. B. vorzeitiger Blasensprung, Präeklampsie, kindliche Wachstumsstörungen).
- Wehenverstärkung: Wenn die Wehen unter der Geburt zu schwach oder unregelmäßig sind und der Geburtsverlauf ins Stocken gerät (Wehenschwäche).
- Nachgeburtsphase: Zur Unterstützung der Gebärmutterrückbildung nach der Entbindung und zur Vorbeugung von übermäßigen Blutungen (postpartale Hämorrhagie).
Durchführung und Dosierung
Der Wehentropf wird stets in einer Klinik unter kontinuierlicher ärztlicher und hebammenkundlicher Überwachung verabreicht. Die Herzaktivität des Kindes wird dabei fortlaufend per Kardiotokografie (CTG) kontrolliert, um eine Überstimulation der Gebärmutter rechtzeitig zu erkennen. Die Oxytocin-Konzentration in der Infusion wird schrittweise erhöht, bis eine regelmäßige und effektive Wehentätigkeit erreicht ist. Die genaue Dosierung richtet sich nach dem individuellen Ansprechen der Schwangeren.
Mögliche Risiken und Nebenwirkungen
Wie jede medizinische Maßnahme birgt auch der Wehentropf potenzielle Risiken, die sorgfältig abgewogen werden müssen:
- Hyperstimulation der Gebärmutter: Zu starke oder zu häufige Wehen können die Sauerstoffversorgung des Kindes beeinträchtigen.
- Fetaler Distress: Veränderungen der kindlichen Herzfrequenz als Zeichen einer Belastung des Kindes.
- Vorzeitige Plazentalosösung: In seltenen Fällen kann eine intensive Wehentätigkeit das Risiko erhöhen.
- Nüchternes Gefühl, Übelkeit oder Kopfschmerzen bei der Mutter.
- Bei übermäßiger Dosierung: Wasserretention (Hyponatriämie), da Oxytocin auch antidiuretische Effekte hat.
Gegenanzeigen
Ein Wehentropf darf nicht eingesetzt werden, wenn eine absolute Kontraindikation für eine vaginale Entbindung vorliegt. Dazu gehören unter anderem:
- Querlage oder bestimmte Steiss-Lagen des Kindes
- Placenta praevia (Vorliegen der Plazenta vor dem Muttermund)
- Vorherige Gebärmutterverletzungen oder bestimmte Narben an der Gebärmutter
- Bekannte Überempfindlichkeit gegenüber Oxytocin
Alternativen zum Wehentropf
Neben dem Wehentropf gibt es weitere Möglichkeiten zur Geburtseinleitung, die je nach klinischer Situation zum Einsatz kommen können:
- Prostaglandine: Als Gel, Tablette oder Vaginaleinsatz verabreicht, um den Muttermund zu reifen und Wehen auszulösen.
- Amniotomie: Kunstliche Eröffnung der Fruchtblase zur Wehenstimulation.
- Ballon-Katheter: Mechanische Erweiterung des Muttermundes.
- Brustwarzenstimulation: Fördert die natürliche Oxytocin-Ausschüttung des Körpers.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): Leitlinie „Geburtseinleitung“ (AWMF-Register Nr. 015-088), 2020.
- World Health Organization (WHO): „WHO recommendations for induction of labour“, Geneva, 2011. Verfügbar unter: https://www.who.int/publications/i/item/9789241501156
- Schneider H., Husslein P., Schneider K.T.M. (Hrsg.): Die Geburtshilfe. 5. Auflage. Springer Verlag, Berlin/Heidelberg, 2016.