-
DE
3-Monats-Koliken (auch Dreimonatskoliken oder Säuglingskoliken genannt) bezeichnen anfällige, intensive Schrei- und Unruhephasen bei Säuglingen, die typischerweise in den ersten drei bis vier Lebensmonaten auftreten. Der Begriff ist etwas irreführend, da die Koliken nicht exakt mit dem dritten Lebensmonat enden müssen, sondern häufig zwischen der zweiten und sechsten Lebenswoche beginnen und sich bis zum Ende des dritten oder vierten Monats bessern.
Betroffene Säuglinge schreien täglich mehrere Stunden, oft zu ähnlichen Tageszeiten – besonders am späten Nachmittag oder Abend – ohne dass eine erkennbare organische Ursache gefunden werden kann. Die Koliken sind für Eltern extrem belastend, führen jedoch in der Regel zu keinen langfristigen gesundheitlichen Schäden beim Kind.
Die genaue Ursache der 3-Monats-Koliken ist bis heute nicht vollständig geklärt. Verschiedene Faktoren werden diskutiert:
Unreifes Verdauungssystem: Der Darm des Säuglings ist noch in der Entwicklung, was zu Gasansammlungen und Blähungen führen kann.
Darmflora-Ungleichgewicht: Studien zeigen, dass Säuglinge mit Koliken häufig eine veränderte Zusammensetzung der Darmflora (Mikrobiom) aufweisen, mit weniger Lactobacillus-Bakterien.
Nahrungsmittelunverträglichkeiten: Reaktionen auf bestimmte Proteine (z. B. Kuhmilchprotein) in der Muttermilch oder Säuglingsnahrung können eine Rolle spielen.
Luftschlucken: Beim Trinken geschluckte Luft kann Blähungen und Schmerzen verursachen.
Neurologische Reizbarkeit: Das Nervensystem des Säuglings reagiert möglicherweise übersensibel auf äußere Reize.
Psychosoziale Faktoren: Stress oder Anspannung der Eltern kann die Schreiphasen verstärken.
Die Diagnose der 3-Monats-Koliken basiert häufig auf der sogenannten Wessel-Regel (auch „Dreier-Regel“ genannt): Das Kind schreit mehr als 3 Stunden am Tag, mehr als 3 Tage pro Woche, über mehr als 3 Wochen. Typische Merkmale sind:
Lautes, anhaltendes und schwer zu beruhigendes Schreien
Anziehen der Beine an den Bauch und Anspannung der Bauchmuskulatur
Gerötetes Gesicht während der Schreiphase
Blähbauch und vermehrter Windabgang
Schreiphasen häufig am späten Nachmittag oder Abend
Kind ist in den Phasen zwischen den Koliken unauffällig und scheint gesund
Es gibt keinen spezifischen Test für 3-Monats-Koliken. Die Diagnose wird durch den Kinderarzt (Pädiater) gestellt und basiert in erster Linie auf der klinischen Beurteilung sowie dem Ausschluss anderer Ursachen. Wichtig ist, organische Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome verursachen können:
Gastroösophagealer Reflux (Säurer Rückfluss)
Kuhmilchproteinallergie
Laktoseintoleranz
Mittelohrenentzündung oder andere Infektionen
Leistenbruch
Der Arzt befragt die Eltern ausführlich zur Ernährung, zum Schreiverhalten und zu möglichen Auslösern und führt eine körperliche Untersuchung des Säuglings durch.
Da die Ursache nicht eindeutig geklärt ist, gibt es keine universelle Behandlung. Verschiedene Maßnahmen können jedoch helfen, die Symptome zu lindern:
Stillende Mütter können versuchsweise auf Kuhmilchprodukte, Kohl, Zwiebeln und andere blähende Lebensmittel verzichten.
Bei Flaschenkindern kann ein Wechsel zu einer hydrolysierten Säuglingsnahrung (mit aufgespaltenen Proteinen) in Betracht gezogen werden.
Auf richtiges Anlegen und das Vermeiden von Luftschlucken beim Trinken achten.
Sanftes Wiegen, Tragen oder Schaukeln des Kindes
Bauchmassagen im Uhrzeigersinn zur Förderung der Darmbewegung
Wärme (z. B. ein warmes Tuch auf dem Bauch)
Weisses Rauschen (Waschmaschine, Haartrockner) oder Schnuller
Entspannte und ruhige Umgebung schaffen
Studien zeigen, dass das Lactobacillus reuteri bei gestillten Säuglingen die Schreiphase signifikant verkürzen kann. Die Evidenz für flaschenernährte Säuglinge ist weniger eindeutig. Vor der Gabe von Mikroorganismen sollte immer Rücksprache mit dem Kinderarzt gehalten werden.
Präparate wie Simethicon (ein entschäumendes Mittel gegen Blähungen) werden häufig eingesetzt, obwohl die wissenschaftliche Evidenz für ihre Wirksamkeit begrenzt ist. Pflanzliche Präparate auf Basis von Fenchel oder Anis können ebenfalls lindernd wirken, sollten aber nur nach ärztlicher Empfehlung eingesetzt werden.
3-Monats-Koliken sind eine erhebliche Belastung für die gesamte Familie. Eltern sollten sich regelmäßig Auszeiten gönnen und Unterstützung durch Familienmitglieder oder eine Hebamme suchen. Beratungsangebote wie Schreiambulanzen können ebenfalls wertvolle Hilfe leisten.
Eltern sollten unbedingt einen Arzt aufsuchen, wenn:
das Kind Fieber hat oder sich krank wirkt
das Schreien plötzlich sehr verändert ist (z. B. viel schriller als gewöhnlich)
das Kind nicht zunimmt oder an Gewicht verliert
Blut im Stuhl vorhanden ist
die Eltern sich um ihr eigenes Wohlbefinden sorgen oder das Schreien nicht mehr aushalten
3-Monats-Koliken sind selbstlimitierend, das heißt, sie bessern sich in der Regel von selbst bis zum Ende des dritten oder vierten Lebensmonats. Langfristige gesundheitliche Folgen für das Kind sind nicht bekannt. Mit der richtigen Unterstützung können Eltern diese schwierige Phase gut überbrücken.
Wolke D, Bilgin A, Samara M. Systematic review and meta-analysis: fussing and crying durations and prevalence of colic in infants. Journal of Pediatrics. 2017;185:55-61. PubMed.
Wessel MA et al. Paroxysmal fussing in infancy, sometimes called colic. Pediatrics. 1954;14(5):421-435.
Sung V. Infantile colic. Australian Prescriber. 2018;41(4):105-110. doi:10.18773/austprescr.2018.033.