Was ist Folsäure?
Folsäure ist die synthetische Form von Folat (Vitamin B9), einem wasserlöslichen B-Vitamin. Während Folat natürlich in Lebensmitteln vorkommt, wird Folsäure in Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln verwendet, da sie stabiler und besser bioverfügbar ist. Der Körper benötigt Folsäure für eine Vielzahl lebenswichtiger Prozesse, darunter die Zellteilung, die DNA-Synthese und die Bildung roter Blutkörperchen.
Biologische Funktionen
Folsäure übernimmt im menschlichen Körper mehrere entscheidende Aufgaben:
- DNA-Synthese und Zellteilung: Folsäure ist essenziell für die Replikation der DNA und damit für das Wachstum und die Erneuerung aller Körperzellen.
- Bildung roter Blutkörperchen: Zusammen mit Vitamin B12 ist Folsäure notwendig für die Reifung der roten Blutkörperchen. Ein Mangel führt zur megaloblastären Anämie.
- Entwicklung des Nervensystems: Während der frühen Schwangerschaft ist Folsäure entscheidend für die korrekte Ausbildung des Neuralrohrs, aus dem später Gehirn und Rückenmark entstehen.
- Homocysteinabbau: Folsäure hilft dabei, den Blutgehalt von Homocystein zu regulieren, einer Aminosäure, deren erhöhte Werte mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht werden.
- Aminosäurestoffwechsel: Folsäure ist an der Umwandlung und dem Abbau verschiedener Aminosäuren beteiligt.
Nahrungsquellen
Natürliches Folat ist in vielen Lebensmitteln enthalten. Besonders reiche Quellen sind:
- Grünes Blattgemüse (z. B. Spinat, Grünkohl, Brokkoli)
- Hülsenfrüchte (z. B. Linsen, Kichererbsen, Bohnen)
- Leber (Rind oder Geflügel)
- Eier und Milchprodukte
- Orangen und Zitrusfrüchte
- Vollkornprodukte und angereicherte Getreideprodukte
Da Folat hitze- und lichtempfindlich ist, gehen bei der Zubereitung von Lebensmitteln häufig erhebliche Mengen verloren. Schonende Garmethoden wie Dämpfen helfen, den Folatverlust zu minimieren.
Empfohlene Tagesdosis
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geben folgende Empfehlungen:
- Erwachsene: 300 µg Folat-Äquivalente pro Tag
- Schwangere: 550 µg Folat-Äquivalente pro Tag
- Stillende: 450 µg Folat-Äquivalente pro Tag
- Kinder (je nach Alter): 80–300 µg Folat-Äquivalente pro Tag
Frauen mit Kinderwunsch wird empfohlen, mindestens vier Wochen vor der Empfängnis und bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels täglich 400 µg Folsäure zusätzlich über ein Supplement einzunehmen.
Folsäure in der Schwangerschaft
Die ausreichende Versorgung mit Folsäure ist besonders während der ersten vier Wochen der Schwangerschaft entscheidend – einer Phase, in der viele Frauen noch nicht wissen, dass sie schwanger sind. Ein Mangel in dieser Zeit erhöht das Risiko für Neuralrohrdefekte wie Spina bifida (offener Rücken) oder Anenzephalie erheblich. Studien zeigen, dass eine ausreichende Folsäureversorgung das Risiko solcher Fehlbildungen um bis zu 70 % senken kann.
Folatmangel
Ursachen
Ein Folatmangel kann durch verschiedene Faktoren entstehen:
- Unausgewogene oder folatsarme Ernährung
- Erhöhter Bedarf (z. B. in der Schwangerschaft oder Stillzeit)
- Malabsorption (z. B. bei Zöliakie, Morbus Crohn)
- Chronischer Alkoholkonsum (hemmt die Folataufnahme)
- Bestimmte Medikamente (z. B. Methotrexat, Antiepileptika)
Symptome eines Folatmangels
- Müdigkeit und Schwäche
- Blassheit der Haut
- Mundschleimhautentzündungen (Stomatitis)
- Megaloblastäre Anämie (vergrößerte, unreife rote Blutkörperchen)
- Konzentrationsprobleme und Reizbarkeit
- In der Schwangerschaft: erhöhtes Risiko für Neuralrohrdefekte beim Kind
Risikogruppen
- Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch
- Personen mit Malabsorptionssyndromen
- Ältere Menschen
- Personen mit hohem Alkoholkonsum
- Personen, die bestimmte Medikamente einnehmen
Diagnostik
Ein Folatmangel wird in der Regel über eine Blutuntersuchung festgestellt. Gemessen werden dabei der Serum-Folatspiegel sowie der Erythrozyten-Folatspiegel, wobei letzterer die langfristige Folatversorgung besser widerspiegelt. Zusätzlich kann ein erhöhter Homocysteinwert im Blut auf einen Folatmangel hinweisen.
Supplementierung und Dosierung
Folsäurepräparate sind rezeptfrei in Apotheken und Drogerien erhältlich. Sie sind besonders empfehlenswert für:
- Frauen mit Kinderwunsch und Schwangere (400–800 µg täglich)
- Personen mit diagnostiziertem Folatmangel
- Personen mit erhöhtem Bedarf durch Erkrankungen oder Medikamente
Die aktive Form der Folsäure, bekannt als 5-Methyltetrahydrofolat (5-MTHF), wird von manchen Menschen besser verwertet, insbesondere bei einer genetischen Veränderung im MTHFR-Gen, die die Umwandlung von Folsäure im Körper beeinträchtigt.
Toxizität und Wechselwirkungen
Folsäure gilt bei üblichen Dosierungen als gut verträglich und sicher. Der tolerierbare obere Einnahmewert (UL) für Folsäure aus Supplementen liegt laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bei 1000 µg pro Tag für Erwachsene. Wichtig zu beachten:
- Hohe Folsäuredosen können einen Vitamin-B12-Mangel maskieren, da die hämatologischen Symptome der Anämie behoben werden, ohne die neurologischen Schäden zu verhindern.
- Wechselwirkungen bestehen mit Medikamenten wie Methotrexat (Folsäureantagonist), Antiepileptika und bestimmten Antibiotika.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr – Folat. DGE, 2021. Verfügbar unter: www.dge.de
- World Health Organization (WHO): Guideline: Daily iron and folic acid supplementation in pregnant women. WHO Press, Geneva, 2012.
- Greenberg JA, Bell SJ, Guan Y, Yu YH: Folic Acid Supplementation and Pregnancy: More Than Just Neural Tube Defect Prevention. Reviews in Obstetrics and Gynecology, 2011; 4(2): 52–59. PubMed PMID: 22102928.