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Fruchtwasser

Was ist Fruchtwasser?

Fruchtwasser, medizinisch auch als Amnionflüssigkeit oder Liquor amnii bezeichnet, ist eine klare bis leicht gelbliche Flüssigkeit, die das ungeborene Kind (Fetus) in der Amnionhöhle umgibt. Die Amnionhöhle ist ein wassergefüllter Hohlraum innerhalb der Fruchthüllen (Eihäute), der das Baby während der gesamten Schwangerschaft schützt und ernährt.

Zusammensetzung des Fruchtwassers

Fruchtwasser besteht zu Beginn der Schwangerschaft hauptsächlich aus Wasser und Elektrolyten, die aus dem mütterlichen Blut stammen. Im Verlauf der Schwangerschaft ändert sich die Zusammensetzung erheblich:

  • Wasser: Hauptbestandteil (ca. 98–99 %)
  • Elektrolyte: Natrium, Kalium, Chlorid u. a.
  • Proteine und Hormone: z. B. Östrogene, Androgene, Prostaglandine
  • Fetale Zellen: abgestoßene Hautzellen des Babys (relevant für die Amniozentese)
  • Glukose und Harnstoff: Stoffwechselprodukte des Fetus
  • Lanugohaare und Vernix caseosa: Haare und Käseschmiere vom Fetus

Funktionen des Fruchtwassers

Das Fruchtwasser übernimmt während der Schwangerschaft zahlreiche wichtige Aufgaben:

  • Mechanischer Schutz: Es schützt den Fetus vor äußeren Stoßen und Druckeinwirkungen.
  • Temperaturregulation: Es hält eine gleichmäßige Temperatur in der Amnionhöhle aufrecht.
  • Bewegungsfreiheit: Das Baby kann sich frei bewegen, was für die Muskel- und Skelettentwicklung essenziell ist.
  • Lungenentwicklung: Der Fetus übt durch das Einatmen und Ausatmen von Fruchtwasser die Atemfunktion und fördert so die Lungenreifung.
  • Schutz vor Infektionen: Fruchtwasser enthält antibakterielle Substanzen, die den Fetus vor Infektionen schützen.
  • Nährstoffversorgung: Über das Schlucken von Fruchtwasser nimmt der Fetus Nährstoffe auf und trainiert sein Verdauungssystem.
  • Nabelschnurschutz: Es verhindert eine Kompression der Nabelschnur.

Menge und Veränderungen im Schwangerschaftsverlauf

Die Menge des Fruchtwassers verändert sich im Laufe der Schwangerschaft:

  • Frühes erstes Trimester: sehr geringe Menge (wenige Milliliter)
  • 16. Schwangerschaftswoche (SSW): ca. 200 ml
  • 34.–36. SSW: maximale Menge von ca. 800–1000 ml
  • Ab 40. SSW: die Menge nimmt wieder ab (auf ca. 600 ml zum Geburtstermin)

Das Fruchtwasser wird etwa alle drei Stunden vollständig ausgetauscht. Der Fetus schluckt täglich bis zu 500 ml Fruchtwasser und scheidet es über den Urin wieder aus.

Abweichungen der Fruchtwassermenge

Polyhydramnion (zu viel Fruchtwasser)

Beim Polyhydramnion ist die Fruchtwassermenge krankhaft erhöht (über 2000 ml). Mögliche Ursachen sind:

  • Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes)
  • Fehlbildungen des fetalen Verdauungstrakts (z. B. Ösophagusatresie), die das Schlucken erschweren
  • Fetale Chromosomenanomalien
  • Zwillingsschwangerschaft (Fetofetales Transfusionssyndrom)

Oligohydramnion (zu wenig Fruchtwasser)

Beim Oligohydramnion ist die Fruchtwassermenge krankhaft vermindert (unter 200 ml). Mögliche Ursachen sind:

  • Fehlbildungen der fetalen Nieren oder Harnwege
  • Vorzeitiger Blasensprung
  • Plazentainsuffizienz (ungenügende Funktion des Mutterkuchens)
  • Intrauterine Wachstumsrestriktionen

Fruchtwasser als diagnostisches Hilfsmittel

Das Fruchtwasser spielt eine wichtige Rolle in der pränatalen Diagnostik:

  • Amniozentese: Durch eine dünne Nadel wird Fruchtwasser entnommen und auf fetale Zellen untersucht. Dies ermöglicht die Diagnose von chromosomalen Erkrankungen (z. B. Trisomie 21) und genetischen Erkrankungen.
  • Ultraschall (Sonografie): Die Fruchtwassermenge wird regelmäßig per Ultraschall kontrolliert und mit dem Amniotic Fluid Index (AFI) bewertet.
  • Farbe des Fruchtwassers: Grünliches Fruchtwasser (Mekoniumverfärbung) kann auf fetalen Stress hinweisen und ist ein wichtiges Warnsignal unter der Geburt.

Der Blasensprung

Gegen Ende der Schwangerschaft, meist zu Beginn der Wehen, platzen die Fruchthüllen und das Fruchtwasser fließt aus. Dies wird als Blasensprung bezeichnet. Ein vorzeitiger Blasensprung (vor der 37. SSW) ist ein medizinischer Notfall und erfordert sofortige ärztliche Abklärung, da ein erhöhtes Infektions- und Frühgeburtsrisiko besteht.

Quellen

  1. Pschyrembel Klinisches Wörterbuch. De Gruyter, 268. Auflage, 2020.
  2. Moore KL, Persaud TVN, Torchia MG. The Developing Human: Clinically Oriented Embryology. Elsevier, 11th edition, 2019.
  3. World Health Organization (WHO). Managing Complications in Pregnancy and Childbirth: A Guide for Midwives and Doctors. WHO Press, Geneva, 2017. Verfügbar unter: https://www.who.int
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