Abendliche Schreistunde
Was ist die abendliche Schreistunde?
Die abendliche Schreistunde beschreibt ein bei Säuglingen verbreitetes Phänomen, bei dem Babys vor allem am späten Nachmittag oder frühen Abend über längere Zeit intensiv schreien, ohne dass eine offensichtliche Ursache wie Hunger, Schmerz oder eine nasse Windel erkennbar ist. Medizinisch wird dieses Verhalten oft dem sogenannten Dreimonate-Koliken-Syndrom (Drei-Monats-Koliken) zugeordnet, auch wenn der Begriff "Kolik" in der modernen Pädiatrie kritisch betrachtet wird, da er eine körperliche Erkrankung impliziert, die in den meisten Fällen nicht vorliegt.
Das Phänomen tritt häufig ab der zweiten bis dritten Lebenswoche auf, erreicht seinen Höhepunkt rund um die sechste Lebenswoche und bessert sich bei den meisten Kindern bis zum Ende des dritten Lebensmonats deutlich.
Ursachen und mögliche Erklärungen
Die genauen Ursachen der abendlichen Schreistunde sind bis heute nicht vollständig geklärt. In der Forschung werden verschiedene Faktoren diskutiert:
- Unreife des Nervensystems: Das Gehirn und das Nervensystem des Neugeborenen sind noch in der Entwicklung. Am Abend kann eine Überstimulation durch Eindrücke des Tages zu Unruhe führen.
- Veränderungen im Biorhythmus: Der circadiane Rhythmus (die innere Uhr) des Babys stellt sich in den ersten Lebenswochen erst ein, was abendliche Unruhephasen begünstigen kann.
- Verdauungsunreife: Der Magen-Darm-Trakt ist bei Neugeborenen noch nicht vollständig ausgereift. Gasansammlungen oder Blah-ungen können Unwohlsein verursachen.
- Übertragung von elterlichem Stress: Babys reagieren sensibel auf die Stimmung ihrer Bezugspersonen. Müdigkeit und Anspannung der Eltern am Abend können das Schreien verstärken.
- Hunger oder erhöhter Saugbedürfnis: Manche Babys zeigen am Abend ein erhöhtes Bedürfnis nach Nährung oder Körperkontakt.
Symptome und Merkmale
Die abendliche Schreistunde ist durch typische Merkmale erkennbar:
- Schreiphasen dauern mindestens eine bis drei Stunden, oft täglich zur selben Tageszeit
- Das Schreien wirkt intensiv, untröstlich und nicht durch normale Maßnahmen beruhigbar
- Das Baby zieht die Beine an den Bauch, ballt die Fäuste oder rötet sich im Gesicht
- Zwischen den Schreiphasen ist das Baby in der Regel gesund, trinkt gut und nimmt zu
- Kein Fieber oder andere Krankheitszeichen vorhanden
Wann zum Arzt?
In den meisten Fällen ist die abendliche Schreistunde harmlos und erfordert keine ärztliche Behandlung. Dennoch sollten Eltern einen Kinderarzt aufsuchen, wenn:
- das Schreien plötzlich anders klingt als gewohnt oder sehr schrill wirkt
- das Baby Fieber hat, nicht trinken möchte oder Gewicht verliert
- Erbrechen, Blut im Stuhl oder andere körperliche Symptome auftreten
- das Schreien über den dritten Lebensmonat hinaus anhält
- die Belastung für die Eltern sehr groß wird
Behandlung und Hilfsmöglichkeiten
Da die abendliche Schreistunde in der Regel keine behandlungsbedürftige Erkrankung darstellt, liegt der Fokus auf unterstützenden Maßnahmen für das Baby und die Eltern:
Beruhigende Maßnahmen für das Baby
- Körperkontakt: Tragen im Tragetuch oder auf dem Arm kann beruhigend wirken
- Sanfte Bewegung: Schaukeln, Spaziergang im Kinderwagen oder Fahrt im Auto
- Wärme: Eine Wärmeflasche (gut eingewickelt) auf dem Bauch des Babys
- Weißes Rauschen: Geräusche wie Staubsauger, Ventilatoren oder spezielle Sounds können beruhigen
- Stillen oder Schnuller: Das Saugbedürfnis befriedigen
Unterstützung für Eltern
- Aufgaben aufteilen und in Schichten betreuen, um Pausen zu ermöglichen
- Unterstützung durch Großeltern, Freunde oder Hebammen in Anspruch nehmen
- Schrei-Ambulanzen oder Beratungsstellen für Familien mit Schreibabys kontaktieren
- Sich bewusst machen: Das Schreien ist keine Schuld der Eltern
Wichtiger Hinweis: Ein schreiendes Baby sollte niemals geschüttelt werden. Schütteln kann zu schwerwiegenden Hirnverletzungen führen (Schütteltrauma). Wenn die Belastung zu groß wird, das Baby sicher ablegen und kurz Pause machen.
Prognose
Die gute Nachricht für betroffene Eltern: Die abendliche Schreistunde ist ein voruübergehendes Phänomen. Bei den meisten Säuglingen verbessert sich die Situation deutlich ab der zwölften Lebenswoche. Langfristige Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung oder das Wohlbefinden sind nicht bekannt.
Quellen
- Wolke D, Bilgin A, Samara M. Systematic review and meta-analysis: fussing and crying durations and prevalence of colic in infants. Journal of Pediatrics, 2017.
- Wessel MA et al. Paroxysmal fussing in infancy, sometimes called colic. Pediatrics, 1954.
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Schreiendes Baby - Informationen für Eltern. www.bzga.de