Extensiv hydrolysierte Säuglingsnahrung
Was ist extensiv hydrolysierte Säuglingsnahrung?
Extensiv hydrolysierte Säuglingsnahrung (kurz: eHF, englisch: extensively hydrolysed formula) ist eine therapeutische Spezialnahrung für Säuglinge, die nicht gestillt werden können und gleichzeitig eine Kuhmilcheiweißallergie (KMPA) oder ein erhöhtes Allergierisiko aufweisen. Bei diesem Produkt werden die Eiweiße der Kuhmilch – meistens Molkenprotein oder Kasein – durch ein chemisches Verfahren namens Hydrolyse in sehr kleine Bruchstücke (Peptide) zerlegt. Diese Bruchstücke sind so klein, dass das Immunsystem des Säuglings sie in der Regel nicht mehr als allergieauslösende Fremdstoffe erkennt.
Wie funktioniert die Hydrolyse?
Bei der Hydrolyse werden große Eiweißmoleküle mithilfe von Enzymen oder Säure in kurze Peptidketten aufgespalten. Je nach Ausmaß der Aufspaltung unterscheidet man:
- Partiell hydrolysierte Nahrung (pHF): Die Eiweiße werden nur teilweise gespalten. Diese Nahrung ist für Allergiker nicht geeignet, kann aber bei nicht gestillten Säuglingen mit erhöhtem Allergierisiko zur Primärprävention eingesetzt werden.
- Extensiv hydrolysierte Nahrung (eHF): Die Eiweiße werden stark aufgespalten, sodass nur noch sehr kurze Peptide vorhanden sind. Diese Nahrung ist für die Behandlung einer nachgewiesenen Kuhmilcheiweißallergie geeignet.
Im Unterschied dazu enthalten Aminoformulaprodukte (auch: elementare Nahrung) gar keine Peptide mehr, sondern nur noch einzelne Aminosäuren. Sie werden bei schweren Allergien eingesetzt, wenn eHF nicht vertragen wird.
Wann wird extensiv hydrolysierte Säuglingsnahrung eingesetzt?
Der Einsatz von eHF ist in folgenden Situationen indiziert:
- Diagnostisch gesicherte Kuhmilcheiweißallergie: Wenn ein Säugling nicht gestillt werden kann und eine Allergie gegen Kuhmilcheiweiß vorliegt, ist eHF die Nahrung der ersten Wahl.
- Allergieprävention bei Risikokindern: Wenn Stillen nicht möglich ist und ein erhöhtes Allergierisiko besteht (z. B. Elternteil oder Geschwister mit Allergie), kann eHF zur Vorbeugung eingesetzt werden, sofern pHF nicht verfügbar ist.
- Verdacht auf KMPA: Bei unklaren Symptomen, die auf eine Kuhmilchunverträglichkeit hindeuten, kann eHF diagnostisch und therapeutisch eingesetzt werden.
Symptome einer Kuhmilcheiweißallergie bei Säuglingen
Eine Kuhmilcheiweißallergie kann sich bei Säuglingen auf verschiedene Arten äußern. Häufige Symptome sind:
- Hautreaktionen wie Ekzeme, Rötungen oder Quaddeln
- Magen-Darm-Beschwerden wie Erbrechen, Durchfall, Blut im Stuhl oder Koliken
- Atemwegssymptome wie Schnupfen oder Husten
- In seltenen Fällen: schwere allergische Reaktionen (Anaphylaxie)
Bei Verdacht auf eine Kuhmilcheiweißallergie sollten Eltern immer einen Kinderarzt oder Kinderallergologen aufsuchen.
Diagnose der Kuhmilcheiweißallergie
Die Diagnose einer KMPA erfolgt in der Regel durch:
- Eine gründliche Anamnese (Befragung der Eltern zu Symptomen und deren Auftreten)
- Einen Eliminationsdiät-Test: Kuhmilcheiweiße werden für 2–4 Wochen vollständig aus dem Ernährungsplan gestrichen
- Einen oralen Provokationstest: Unter ärztlicher Aufsicht wird Kuhmilcheiweiß erneut eingesetzt, um die Reaktion zu beobachten
- Allergietests (Haut-Prick-Test, spezifisches IgE im Blut) als Ergänzung
Nährwertprofil und Sicherheit
Extensiv hydrolysierte Säuglingsnahrung ist hinsichtlich ihres Nährwertprofils so formuliert, dass sie alle Anforderungen an eine vollwertige Säuglingsnahrung erfüllt. Sie enthält:
- Alle notwendigen Makronährstoffe (Kohlenhydrate, Fette, Proteine in aufgespaltener Form)
- Essentielle Vitamine und Mineralstoffe gemäß den Vorgaben der europäischen Lebensmittelgesetzgebung
- Langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren (LC-PUFA) wie DHA, die für die Gehirnentwicklung wichtig sind
Klinische Studien bestätigen, dass Säuglinge, die mit eHF ernährt werden, ein normales Wachstum und eine normale Entwicklung aufweisen. Der Geschmack dieser Nahrungen ist durch die Hydrolyse etwas bitter, was jedoch von den meisten Säuglingen gut akzeptiert wird.
Dauer der Ernährung mit eHF
Die meisten Kinder mit Kuhmilcheiweißallergie entwickeln im Laufe der Zeit eine Toleranz gegenüber Kuhmilcheiweiß. Daher wird in der Regel alle 6–12 Monate unter ärztlicher Aufsicht ein oraler Provokationstest durchgeführt, um zu prüfen, ob die Nahrung schrittweise wieder auf normale Säuglingsnahrung umgestellt werden kann. Die meisten betroffenen Kinder vertragen Kuhmilcheiweiß bis zum Schulalter wieder problemlos.
Wichtige Hinweise für Eltern
- Extensiv hydrolysierte Säuglingsnahrung sollte immer auf ärztliche Empfehlung und unter kinderarztlicher Begleitung eingesetzt werden.
- Eltern sollten darauf achten, dass das Produkt das EU-Zulassungszeichen für Säuglingsnahrung trägt.
- Bei anhaltenden oder schwerwiegenden Symptomen trotz Umstellung auf eHF sollte umgehend ein Arzt aufgesucht werden, da möglicherweise eine Aminoformel notwendig ist.
- Selbst hergestellte Alternativen (z. B. Hafer- oder Mandelmilch) sind für Säuglinge nicht geeignet und können zu Mangelernährung führen.
Quellen
- Koletzko S. et al. - Diagnostik und Therapie der Kuhmilchprotein-Allergie im Säuglings- und Kindesalter. Monatsschrift Kinderheilkunde, 2020.
- Vandenplas Y. et al. - Guidelines for the Diagnosis and Management of Cow's Milk Protein Allergy in Infants. Archives of Disease in Childhood, 2007; 92(10): 902–908.
- Europäische Lebensmittelbehörde (EFSA) - Scientific Opinion on the essential composition of infant and follow-on formulae. EFSA Journal, 2014; 12(7): 3760.