Frühkindliche Fütterstörung
Was ist eine frühkindliche Fütterstörung?
Die frühkindliche Fütterstörung (auch Fütterungsstörung im Säuglingsalter oder Kleinkindalter genannt) bezeichnet anhaltende Probleme bei der Nahrungsaufnahme im ersten Lebensjahr oder in den ersten Lebensjahren. Betroffene Kinder verweigern regelmäßig die Nahrung, trinken zu wenig, zeigen starke Aversionen gegenüber bestimmten Texturen oder Körnungen, oder können keine ausreichende Nahrungsmenge zu sich nehmen, um gesund zu wachsen. Die Störung ist nicht auf eine rein organische Erkrankung zurückzuführen, obwohl körperliche Faktoren häufig eine mitauslösende Rolle spielen.
Frühkindliche Fütterstörungen gehören zu den häufigsten Entwicklungsauffälligkeiten im Säuglings- und Kleinkindalter und betreffen schätzungsweise 25 bis 45 Prozent aller Kinder in unterschiedlicher Ausprägung. In schweren Fällen kann es zu einem Gedeihstörung kommen, also einem unzureichenden Gewichts- oder Längenwachstum.
Ursachen
Die Entstehung einer frühkindlichen Fütterstörung ist meist multifaktoriell, das heißt, mehrere Faktoren wirken zusammen:
Organische Ursachen
- Gastroösophagealer Reflux: Säure aus dem Magen gelangt in die Speiseröhre und verursacht Schmerzen beim Trinken.
- Allergien und Unverträglichkeiten: z. B. Kuhmilcheiweißallergie oder Laktoseintoleranz.
- Anatomische Besonderheiten: wie Lippenbremse, Zungenbremse (Ankyloglossie) oder Gaumenspalte.
- Neurologische Erkrankungen: Störungen der Schluckkoordination bei frühgeborenen oder neurologisch beeinträchtigten Kindern.
- Respiratorische Probleme: Atemwegserkrankungen, die das Saugen und Schlucken erschweren.
Verhaltensbezogene und sensorische Ursachen
- Sensorische Verarbeitungsstörungen: Kinder mit übererregbarem Nervensystem reagieren extrem sensibel auf Geschmack, Textur oder Temperatur von Lebensmitteln.
- Konditionierte Nahrungsaversion: Nach schmerzhaften oder bedrohlichen Erlebnissen (z. B. Erbrechen, Erstickungsanfalle) kann eine erlernte Angst vor dem Essen entstehen.
Elterliche und interaktionelle Ursachen
- Erhöhter Druck beim Füttern durch besorgte Eltern kann die Störung verstärken.
- Störungen der Eltern-Kind-Interaktion, z. B. bei elterlichen psychischen Erkrankungen oder Bindungsstörungen.
- Ungewöhnliche Fütterroutinen oder -umgebungen.
Symptome
Die Symptome können sehr unterschiedlich sein und variieren je nach Alter und Schweregrad:
- Regelmäßiges Ablehnen der Brust oder Flasche beim Säugling
- Sehr lange Mahlzeiten (über 30 Minuten) mit geringer Nahrungsaufnahme
- Würgen, Erbrechen oder Husten beim Essen
- Starke Bevorzugung oder Ablehnung bestimmter Texturen, Farben oder Konsistenzen
- Weinen, Schreien oder Körperanspannung beim Füttern
- Unzureichende Gewichtszunahme oder Gewichtsverlust (Gedeihstörung)
- Angst oder Panik beim Anblick von Nahrungsmitteln (im Kleinkindalter)
- Ablenkungsstrategien der Eltern notwendig (z. B. Bildschirm, Spielzeug), damit das Kind überhaupt isst
Diagnose
Die Diagnose einer frühkindlichen Fütterstörung erfolgt durch ein interdisziplinäres Team, das häufig aus Kinderärztinnen und Kinderfachärzten, Logopädinnen und Logopäden, Psychologinnen und Psychologen sowie Ernährungsberatung besteht. Folgende Schritte sind typisch:
- Anamnese: Detaillierte Befragung der Eltern zu Ess- und Trinkverhalten, Mahlzeitenroutinen und Entwicklungsgeschichte des Kindes.
- Körperliche Untersuchung: Beurteilung von Wachstum (Gewicht, Länge, Kopfumfang) und möglicher organischer Ursachen.
- Verhaltensbeobachtung: Direkte Beobachtung einer Mahlzeit, um Interaktionsmuster und das Verhalten des Kindes beim Essen zu erfassen.
- Weiterführende Diagnostik: Bei Verdacht auf organische Ursachen z. B. Schluckuntersuchung (videofluoroskopische Schluckdiagnostik), Blutuntersuchungen oder endoskopische Abklärung.
- Klassifikation: Die Störung kann nach dem DC:0-5-Klassifikationssystem (Diagnostic Classification of Mental Health and Developmental Disorders of Infancy and Early Childhood) eingeordnet werden.
Behandlung
Die Therapie richtet sich nach den Ursachen und dem Schweregrad der Fütterstörung und umfasst in der Regel mehrere Ansätze:
Organische Behandlung
- Behandlung eines Refluxes mit säurehemmenden Medikamenten oder diätetischen Maßnahmen.
- Ausschluss oder Behandlung von Nahrungsmittelallergien.
- Chirurgische Korrektur anatomischer Besonderheiten (z. B. Zungenbandlösung bei Ankyloglossie).
Logopädische und ergotherapeutische Therapie
- Training der Schluck- und Saugkoordination bei neurologischen oder anatomischen Problemen.
- Sensorische Integrationstherapie bei sensorischen Verarbeitungsstörungen, um die Toleranz gegenüber verschiedenen Nahrungsreizen schrittweise zu erhöhen.
- Stufenweise Exposition gegenüber abgelehnten Lebensmitteln nach dem Prinzip des Food Chaining.
Psychologische und familientherapeutische Unterstützung
- Elternberatung und -schulung: Eltern lernen, Druck beim Füttern zu reduzieren und positive Esskontexte zu schaffen.
- Interaktionstherapie: Förderung einer positiven Eltern-Kind-Beziehung beim Essen.
- Verhaltenstherapeutische Ansätze bei konditionierter Nahrungsaversion.
Ernährungstherapeutische Unterstützung
- Sicherstellung einer ausreichenden Ernährung, ggf. über angepasste Nahrungsformen oder Spezialnahrung.
- In schweren Fällen temporäre Ernährung über eine Magensonde (nasogastrale Sonde) oder Magenperkutane endoskopische Gastrostomie (PEG), bis eine orale Nahrungsaufnahme möglich ist.
Prognose und Verlauf
Die Prognose einer frühkindlichen Fütterstörung ist bei frühzeitiger und gezielter Behandlung in vielen Fällen gut. Ohne Behandlung können sich Fütterprobleme jedoch bis ins Schulalter fortsetzen und zu Ernährungsdefiziten, Wachstumsstörungen und psychosozialen Belastungen führen. Eine frühe interdisziplinäre Intervention ist daher entscheidend. Eltern sollten bei anhaltenden Essproblemen ihres Kindes frühzeitig ärztlichen Rat suchen.
Quellen
- Chatoor, I. (2009): Diagnosis and Treatment of Feeding Disorders in Infants, Toddlers, and Young Children. Zero to Three Press, Washington D.C.
- Koletzko, B. et al. (Hrsg., 2019): Pädiatrische Ernährungsmedizin. Schattauer Verlag, Stuttgart.
- Zero to Three (2016): DC:0-5 - Diagnostic Classification of Mental Health and Developmental Disorders of Infancy and Early Childhood. Zero to Three Press, Washington D.C.