Haarausfall nach Geburt
Was ist Haarausfall nach der Geburt?
Haarausfall nach der Geburt wird medizinisch als postpartales Effluvium oder Effluvium post partum bezeichnet. Dabei verlieren viele Frauen in den ersten Wochen und Monaten nach der Entbindung deutlich mehr Haare als gewöhnlich. Dies ist ein physiologisch normaler Vorgang und kein Zeichen einer ernsthaften Erkrankung. Schätzungen zufolge sind bis zu 50 Prozent aller Frauen nach einer Geburt davon betroffen.
Ursachen
Während der Schwangerschaft sorgen erhöhte Östrogenspiegel dafür, dass sich Haarfollikel länger in der Wachstumsphase (Anagenphase) befinden. Das Haar wirkt daher in der Schwangerschaft oft besonders voll und kräftig. Nach der Geburt fallen die Östrogenspiegel rasch ab, wodurch viele Haarfollikel gleichzeitig in die Ruhephase (Telogenphase) übergehen. Diese Follikel fallen dann zeitversetzt – typischerweise zwei bis vier Monate nach der Entbindung – aus. Diesen Prozess nennt man Telogenes Effluvium.
Zusätzlich können folgende Faktoren den Haarausfall verstärken:
- Nährstoffmangel (z. B. Eisen, Zink, Biotin, Vitamin D)
- Schlafmangel und körperlicher Stress nach der Geburt
- Schilddrüsenerkrankungen (z. B. postpartale Thyreoiditis)
- Stillen und der damit verbundene erhöhte Nährstoffbedarf
- Emotionaler Stress und Erschopfung
Symptome
Typische Anzeichen des postpartalen Haarausfalls sind:
- Vermehrte Haare in Bürste, Kamm oder Abfluss
- Dünner werdendes Haar, besonders an Schläfen und Scheitel
- Spürbarer Rückgang der Haardichte
- Beginn der Symptome meist zwei bis vier Monate nach der Entbindung
Im Gegensatz zu anderen Formen des Haarausfalls entstehen beim postpartalen Effluvium keine kahlen Stellen. Der Haarverlust ist diffus über den gesamten Kopf verteilt.
Diagnose
In den meisten Fällen ist keine spezielle Diagnostik erforderlich, da das postpartale Effluvium anhand der typischen Krankengeschichte (Entbindung vor einigen Monaten, diffuser Haarausfall) erkannt werden kann. Dennoch empfiehlt sich bei starkem oder anhaltendem Haarausfall eine ärztliche Abklärung, um andere Ursachen auszuschließen. Dabei können folgende Untersuchungen sinnvoll sein:
- Blutuntersuchung: Kontrolle von Ferritin (Eisenspeicher), Schilddrüsenwerten (TSH), Vitamin D, Zink und Blutbild
- Trichogramm: Mikroskopische Untersuchung der Haarwurzeln
- Dermatologische Untersuchung: Ausschluss anderer Haarerkrankungen wie androgenetischer Alopezie
Behandlung und Maßnahmen
Da das postpartale Effluvium in den meisten Fällen von selbst wieder verschwindet, ist keine spezifische medizinische Behandlung notwendig. Das Haar wächst in der Regel innerhalb von sechs bis zwölf Monaten nach der Entbindung wieder nach. Folgende Maßnahmen können den Heilungsprozess unterstützen:
Ernährung und Nährstoffe
- Ausgewogene, nährstoffreiche Ernährung mit ausreichend Protein, Eisen und Vitaminen
- Bei nachgewiesenem Mangel: gezielte Supplementierung (z. B. Eisen, Biotin, Zink, Vitamin D)
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr, besonders beim Stillen
Haarpflege
- Sanfte Haarpflege und Vermeidung von Wärmebehandlungen (Fohn, Glätteisen)
- Keine engen Frisuren, die zusätzlichen Zug auf die Haarwurzeln ausüben
- Milde, nährende Shampoos verwenden
Medizinische Behandlung
- Bei schweren Fällen oder zugrunde liegender Erkrankung (z. B. Schilddrüsendysfunktion) erfolgt eine gezielte Behandlung der Grunderkrankung
- Minoxidil (ein Mittel zur Behandlung von Haarausfall) sollte in der Stillzeit nicht angewendet werden und ist beim postpartalen Effluvium in der Regel nicht indiziert
Wann zum Arzt?
Ein Arztbesuch ist empfehlenswert, wenn:
- Der Haarausfall nach zwölf Monaten nicht nachlässt oder sich verstärkt
- Kahle Flecken oder ungleichmäßiger Haarausfall auftreten
- Zusätzliche Symptome wie Müdigkeit, Gewichtsveränderung oder Stimmungsschwankungen vorhanden sind
- Verdacht auf Nährstoffmangel oder Schilddrüsenprobleme besteht
Quellen
- Lynfield, Y. L. (1960): Effect of pregnancy on the human hair cycle. In: Journal of Investigative Dermatology, 35(6), 323–327.
- Springer, K. et al. (2003): Common Hair Loss Disorders. In: American Family Physician, 68(1), 93–102. Verfügbar unter: https://www.aafp.org/pubs/afp/issues/2003/0701/p93.html
- Truchot, F. et al. (2020): Postpartum Hair Loss. In: Annals of Dermatology and Venereology, 147(1), 46–52. DOI: 10.1016/j.annder.2019.08.014