Niedriger Blutdruck in der Schwangerschaft
Was ist niedriger Blutdruck in der Schwangerschaft?
Ein niedriger Blutdruck (medizinisch: Hypotonie) in der Schwangerschaft liegt vor, wenn der systolische Blutdruck dauerhaft unter 100 mmHg fällt. Während der Schwangerschaft verändert sich der Blutdruck auf natürliche Weise: Insbesondere im ersten und zweiten Trimester sinkt er häufig ab, da sich die Blutgefäße durch hormonelle Einflüsse weiten und das Blutvolumen zunimmt. In den meisten Fällen ist ein leicht gesunkener Blutdruck harmlos, kann jedoch bei ausgeprägter Hypotonie die Versorgung von Mutter und Kind beeinträchtigen.
Ursachen
Der Blutdruckabfall in der Schwangerschaft hat mehrere typische Ursachen:
- Hormonelle Veränderungen: Das Hormon Progesteron führt zur Erweiterung der Blutgefäße (Vasodilatation), was den Blutdruck senkt.
- Vergrößerung des Blutkreislaufs: Das Blutvolumen steigt in der Schwangerschaft um bis zu 50 %, was den Kreislauf zusätzlich belastet.
- Vena-cava-Kompressionssyndrom: Im späteren Verlauf der Schwangerschaft kann der vergrößerte Uterus beim Rückenliegen die untere Hohlvene (Vena cava inferior) eindrücken und den Blutrückfluss zum Herzen vermindern.
- Flüssigkeitsmangel (Dehydration): Unzureichende Flüssigkeitszufuhr kann den Blutdruck weiter absenken.
- Orthostatische Hypotonie: Rasches Aufstehen aus dem Sitzen oder Liegen kann kurzfristig zu einem Blutdruckabfall führen.
- Ernährungsbezogene Faktoren: Eisenmangel oder ein niedriger Blutzuckerspiegel können die Symptome verstärken.
Symptome
Typische Beschwerden bei niedrigem Blutdruck in der Schwangerschaft sind:
- Schwindel und Benommenheit, besonders beim Aufstehen
- Schwarzwerden vor den Augen oder Sehstörungen
- Müdigkeit und allgemeine Schwäche
- Herzrasen oder erhöhter Puls (Tachykardie)
- Übelkeit
- Ohnmacht oder das Gefühl, ohnmächtig zu werden (Präsynkope)
- Blasse, kühle Haut
Bei Ohnmachtsanfällen oder ausgeprägten Symptomen sollte sofort ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden, da ein Sturzrisiko für Mutter und Kind besteht.
Diagnose
Die Diagnose wird durch regelmäßige Blutdruckmessungen bei den Vorsorgeuntersuchungen gestellt. Um die Ursache zu klären, können folgende Untersuchungen durchgeführt werden:
- Blutuntersuchungen zur Prüfung von Hämoglobin, Eisen und Blutzucker
- Messung des Blutdrucks im Liegen und im Stehen (Schellong-Test) zur Erkennung einer orthostatischen Hypotonie
- Ultraschall zur Beurteilung der Versorgung des Kindes
Behandlung und Maßnahmen
In den meisten Fällen lässt sich ein niedriger Blutdruck in der Schwangerschaft durch einfache Verhaltensmaßnahmen gut kontrollieren:
Allgemeine Maßnahmen
- Ausreichend trinken: Mindestens 1,5 bis 2 Liter Wasser oder ungeßüßte Getränke täglich helfen, den Kreislauf stabil zu halten.
- Langsam aufstehen: Abrupte Lagewechsel vermeiden und sich beim Aufstehen Zeit lassen.
- Schlafposition: Ab dem zweiten Trimester wird empfohlen, auf der linken Seite zu schlafen, um den Druck auf die Vena cava zu reduzieren.
- Leichte, häufige Mahlzeiten: Große Mahlzeiten können den Blutdruck temporär senken; kleine, regelmäßige Mahlzeiten sind vorzuziehen.
- Moderater Sport: Leichte Bewegung wie Spazierengänge oder Schwangerschaftsgymnastik fördert den Kreislauf.
- Körperliche Anstrengung meiden: Hitze, Sauna und langes Stehen können den Blutdruck weiter senken und sollten vermieden werden.
Ernährung und Supplements
- Kochsalz: Eine leicht erhöhte Salzzufuhr kann den Blutdruck stabilisieren, sollte jedoch mit dem Arzt oder der Ärztin abgesprochen werden.
- Eisenreiche Ernährung: Bei Eisenmangel-Hypotonie ist eine eisenreiche Ernährung oder Supplementierung angezeigt.
Medikamentöse Behandlung
Medikamente gegen Hypotonie werden in der Schwangerschaft sehr zurückhaltend eingesetzt und nur bei schwerwiegenden, symptomatischen Fällen verordnet. Die Therapieentscheidung trifft ausschließlich die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Risiken und wann zum Arzt?
Ein leicht erhöhter Ruhepuls und ein leicht gesenkter Blutdruck sind in der Schwangerschaft normal. Folgende Zeichen erfordern jedoch umgehend ärztliche Abklärung:
- Wiederholte Ohnmachtsanfälle
- Starker, anhaltender Schwindel
- Deutliche Abnahme der Kindsbewegungen
- Blutdruck dauerhaft unter 90/60 mmHg
- Brustschmerzen oder Atemnot
In seltenen Fällen kann eine ausgepärgte Hypotonie die Durchblutung der Plazenta reduzieren und die Versorgung des ungeborenen Kindes beeinträchtigen. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen sind daher essenziell.
Quellen
- World Health Organization (WHO): Antenatal care recommendations for a positive pregnancy experience. Geneva: WHO, 2016.
- Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): Leitlinie Schwangerschaftsvorsorge und Schwangerschaftsbetreuung, 2020.
- Magee LA, Pels A, Helewa M et al.: Diagnosis, evaluation, and management of the hypertensive disorders of pregnancy. Pregnancy Hypertension, 2014;4(2):105-145.