Saugverwirrung
Was ist Saugverwirrung?
Saugverwirrung (auch Nippelverwirrung genannt) beschreibt ein Phänomen bei Säuglingen, bei dem das Kind durch den Wechsel zwischen Brust und Flaschensauger oder Schnuller in seiner Saugtechnik verwirrt wird. Da das Saugen an der Mutterbrust eine andere Zungen- und Kieferbewegung erfordert als das Trinken aus einer Flasche, kann es vorkommen, dass der Säugling Schwierigkeiten bekommt, die für das Stillen notwendige Technik korrekt anzuwenden.
Ursachen
Saugverwirrung entsteht durch die grundlegend unterschiedlichen Saugmechanismen, die an Brust und Flasche benötigt werden:
- Saugen an der Brust: Der Säugling muss die Brust tief in den Mund nehmen (Anlegen), die Zunge flach und weit vorne halten, aktiv durch Kiefer- und Zungenbewegungen Milch herausfördern und den Milchfluss durch den Saugreiz regulieren.
- Saugen an der Flasche: Die Milch fließt meist leichter und schneller, der Säugling saugt passiver, die Zungen- und Kieferhaltung ist anders, und der Säugling muss die Milch eher bremsen als aktiv fördern.
- Schnuller: Auch das regelmäßige Verwenden eines Schnullers in den ersten Lebenswochen kann das Erlernen der Stilltechnik beeinträchtigen.
Symptome und Anzeichen
Eltern und Stillberaterinnen erkennen eine Saugverwirrung häufig an folgenden Zeichen:
- Der Säugling verweigert die Brust oder ist unruhig beim Anlegen
- Das Kind rutscht beim Stillen von der Brust ab
- Schmerzhafte Brust bei der stillenden Mutter durch falsche Saugtechnik
- Schlechte Gewichtszunahme des Kindes infolge ineffektiven Saugens
- Das Kind trinkt an der Flasche problemlos, zeigt aber Frustration an der Brust
- Schnelles Weinen und Aufgeben beim Anlegen
Risikofaktoren und gefährdete Gruppen
Bestimmte Umstände erhöhen das Risiko einer Saugverwirrung:
- Frühzeitige Einführung von Flaschen oder Schnullern vor dem vollständigen Erlernen des Stillens (meist innerhalb der ersten 4–6 Lebenswochen empfohlen, mit Vorsicht einzuführen)
- Frühgeborene oder Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht
- Säuglinge mit Saugschwierigkeiten, z. B. bei Zungenbandverengung (Ankyloglossie)
- Mütter mit flachen oder eingezogenen Brustwarzen
Diagnose
Es gibt keine standardisierte medizinische Diagnose für Saugverwirrung. Die Beurteilung erfolgt in der Regel durch eine erfahrene Still- und Laktationsberaterin (IBCLC) oder eine Hebamme, die Mutter und Kind beim Stillen beobachtet und die Saugtechnik des Kindes einschätzt. Dabei werden unter anderem die Mundstellung des Kindes, die Zungenposition sowie die Gewichtszunahme des Säuglings berücksichtigt.
Behandlung und Empfehlungen
Zur Überwindung einer Saugverwirrung stehen verschiedene Ansätze zur Verfügung:
- Stillen priorisieren: So oft wie möglich direkt an der Brust stillen, um dem Säugling das Erlernen der richtigen Technik zu ermöglichen.
- Stilles Intervall: Vorläufig auf Flasche und Schnuller verzichten, bis das Stillen gut etabliert ist.
- Alternativen zur Flasche: Falls Zufütterung nötig ist, können Becher, Löffel oder ein Supplementer (ein dünnes Schläuchchen an der Brust) verwendet werden, um eine weitere Verwirrung zu vermeiden.
- Stillberatung: Professionelle Unterstützung durch eine IBCLC-zertifizierte Stillberaterin oder Hebamme kann helfen, die Saugtechnik zu korrigieren und das Anlegen zu verbessern.
- Sanftes Anlegen: Das Kind in einem ruhigen, entspannten Zustand an die Brust anlegen; Skin-to-Skin-Kontakt fördert das Interesse an der Brust.
- Stillhilfsmittel: In bestimmten Fällen kann ein Stillhütchen übergangsweise helfen, ist jedoch nur unter fachkundiger Anleitung zu verwenden.
Vorbeugung
Um Saugverwirrung zu vermeiden, empfehlen Stillexpertinnen und internationale Gesundheitsorganisationen:
- In den ersten 4–6 Lebenswochen keine Schnuller oder Flaschen einzuführen, bis das Stillen gut etabliert ist
- Flasche oder Schnuller erst nach dem Erlernen der Brusttechnik einzuführen, wenn überhaupt
- Bei Bedarf frühzeitig stillfreundliche Hilfsmittel wie Becher oder Löffel zu nutzen
- Hebammen oder Stillberaterinnen bei Fragen frühzeitig hinzuzuziehen
Quellen
- Weltgesundheitsorganisation (WHO): Infant and Young Child Feeding. Geneva: WHO, 2009. Abrufbar unter: www.who.int
- La Leche League International: The Womanly Art of Breastfeeding, 8. Auflage. Ballantine Books, 2010.
- Geddes D.T. et al.: Nipple confusion: a review of the evidence. Breastfeeding Medicine, 2012. Abrufbar unter: PubMed (NCBI).