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Stillzeit

Was ist die Stillzeit?

Die Stillzeit (auch Laktationszeit oder Stillphase genannt) bezeichnet den Zeitraum, in dem eine Mutter ihr Kind durch das Anlegen an der Brust mit Muttermilch ernährt. Dieser natürliche Vorgang beginnt kurz nach der Geburt und kann je nach individueller Entscheidung der Mutter sowie den Bedürfnissen des Kindes mehrere Monate bis Jahre andauern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, Babys in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich zu stillen und das Stillen bis zum zweiten Lebensjahr oder darüber hinaus fortzusetzen, sofern dies möglich ist.

Physiologie der Milchbildung

Die Milchbildung, auch Laktation genannt, wird durch hormonelle Prozesse gesteuert. Kurz nach der Geburt sinkt der Spiegel von Östrogen und Progesteron, während das Hormon Prolaktin ansteigt. Prolaktin regt die Brustdrüsen zur Produktion von Milch an. Ein weiteres Schlüsselhormon ist Oxytocin, das den sogenannten Milchspendereflex auslöst und den Milchfluss beim Anlegen des Kindes begünstigt. In den ersten Tagen nach der Geburt wird Kolostrum (Vormilch) produziert, eine besonders nährstoff- und antikörperreiche Flüssigkeit, die das Immunsystem des Neugeborenen stärkt.

Vorteile des Stillens für das Kind

  • Immunschutz: Muttermilch enthält Antikörper, weiße Blutkörperchen und bioaktive Substanzen, die das Kind vor Infektionen schützen.
  • Optimale Ernährung: Die Zusammensetzung der Muttermilch passt sich dynamisch an den Bedarf des Kindes an und liefert alle notwendigen Nährstoffe.
  • Geringeres Risiko für chronische Erkrankungen: Gestillte Kinder haben statistisch ein niedrigeres Risiko für Allergien, Asthma, Typ-2-Diabetes und Übergewicht.
  • Kognitive Entwicklung: Studien zeigen, dass das Stillen die Gehirnentwicklung positiv beeinflusst.
  • Emotionale Bindung: Körperkontakt beim Stillen stärkt die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind.

Vorteile des Stillens für die Mutter

  • Rückbildung der Gebärmutter: Oxytocin, das beim Stillen freigesetzt wird, unterstützt die Rückbildung der Gebärmutter auf ihre ursprüngliche Größe.
  • Kalorienverbrauch: Die Milchproduktion verbraucht zusätzliche Kalorien, was den Körper bei der Rückgewinnung des Ausgangsgewichts unterstützen kann.
  • Langfristiger Gesundheitsschutz: Stillen reduziert das Risiko für Brustkrebs, Eierstockkrebs und Osteoporose.
  • Emotionales Wohlbefinden: Stillhormone können Stress reduzieren und das Wohlbefinden der Mutter fördern.

Ernährung der Mutter während der Stillzeit

Während der Stillzeit hat die Mutter einen erhöhten Nährstoff- und Energiebedarf. Eine ausgewogene, nährstoffreiche Ernährung ist daher besonders wichtig.

  • Kalorienbedarf: Der tägliche Energiebedarf erhöht sich um etwa 500 kcal.
  • Flüssigkeit: Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr (mindestens 2–3 Liter pro Tag) ist essenziell für die Milchproduktion.
  • Jod: Jod ist für die Schilddrüsenfunktion des Kindes unverzichtbar. Eine Supplementierung mit 100–150 µg Jod pro Tag wird in Deutschland empfohlen.
  • Vitamin D: Da Muttermilch wenig Vitamin D enthält, wird gestillten Kindern zusätzlich Vitamin D verabreicht.
  • Omega-3-Fettsäuren (DHA): Wichtig für die Hirnentwicklung des Kindes; Fisch oder DHA-Präparate werden empfohlen.
  • Alkohol und Nikotin: Beide Substanzen gehen in die Muttermilch über und sollten vollständig gemieden werden.
  • Koffein: Sollte in moderaten Mengen konsumiert werden, da es in geringen Mengen in die Muttermilch übergeht.

Häufige Herausforderungen beim Stillen

Wunde Brustwarzen

Wunde oder gerissene Brustwarzen sind häufig auf eine falsche Anlegetechnik zurückzuführen. Eine Stillberatung kann helfen, die richtige Haltung zu erlernen und Beschwerden zu lindern.

Milchstau und Mastitis

Ein Milchstau entsteht, wenn Milch nicht vollständig abfließt und sich anstaut. Wird er nicht behandelt, kann sich eine Mastitis (Brustdrüsenentzündung) entwickeln, die mit Rötung, Schwellung, Schmerzen und Fieber einhergeht. Häufiges Anlegen, Wärme und bei Bedarf ärztliche Behandlung sind die Maßnahmen der Wahl.

Zu wenig Milch

Das Gefühl, nicht genügend Milch zu produzieren, ist ein häufiges Anliegen. Tatsächlicher Milchmangel ist selten. Häufiges Anlegen, ausreichend Trinken und Ruhe können die Milchproduktion anregen.

Medikamente in der Stillzeit

Viele Medikamente gehen in die Muttermilch über. Stillende Mütter sollten vor der Einnahme von Medikamenten stets ärztlichen Rat einholen. Die Datenbank LactMed (National Institutes of Health) bietet evidenzbasierte Informationen zur Verträglichkeit von Medikamenten in der Stillzeit.

Abstillen

Als Abstillen bezeichnet man den Prozess, bei dem die Muttermilcherhältung schrittweise reduziert und schließlich beendet wird. Ein sanftes, schrittweises Abstillen ist sowohl für die Mutter als auch für das Kind schonender als ein abruptes Beenden des Stillens. Das ideale Alter für das Abstillen ist individuell und richtet sich nach den Bedürfnissen von Mutter und Kind.

Wann ist Stillen nicht möglich?

In einigen Fällen kann oder darf nicht gestillt werden, etwa bei bestimmten Infektionskrankheiten der Mutter (z. B. ungehämmte HIV-Infektion in Industrieländern), bei der Einnahme bestimmter Medikamente oder bei seltenen Stoffwechselerkrankungen des Kindes wie Galaktosamämie. In diesen Fällen steht geeignete Säuglingsnahrung als sichere Alternative zur Verfügung.

Quellen

  1. World Health Organization (WHO): Breastfeeding. Verfügbar unter: https://www.who.int/health-topics/breastfeeding (abgerufen 2024).
  2. Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Empfehlungen zum Stillen. Verfügbar unter: https://www.bfr.bund.de (abgerufen 2024).
  3. Koletzko B. et al.: Säuglings- und Kleinkindnahrung, in: Kinder- und Jugendarzt, Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), 2022.
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