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Witching Hour

Was ist die Witching Hour?

Der Begriff Witching Hour (deutsch: "Geisterstunde") beschreibt im medizinischen und pädiatrischen Kontext eine täglich wiederkehrende Phase intensiven, untröstlichen Weinens bei Säuglingen. Diese Phase tritt typischerweise am späten Nachmittag oder frühen Abend auf, meist zwischen 17:00 und 23:00 Uhr. Obwohl der Name dramatisch klingt, handelt es sich um ein weitverbreitetes und in der Regel völlig normales Phänomen bei Neugeborenen und jungen Säuglingen.

Die Witching Hour ist nicht mit der Kolik gleichzusetzen, obwohl beide Phänomene ähnlich aussehen können. Während Kolik als langanhaltende, intensive Weinphasen definiert wird, die über mehrere Wochen bestehen, ist die Witching Hour meist ein allgemeineres, vorhersehbares Verhaltensmuster bei Säuglingen in den ersten Lebenswochen und -monaten.

Ursachen

Die genauen Ursachen der Witching Hour sind nicht vollständig geklärt. Fachleute diskutieren verschiedene mögliche Erklärungen:

  • Reizüberflutung: Säuglinge haben noch ein sehr unreifes Nervensystem. Nach einem langen Tag voller Sinneseindrücke (Geräusche, Licht, Berührungen) können sie sich überwältigt fühlen und dies durch Weinen ausdrücken.
  • Müdigkeit und Überstimulation: Am späten Nachmittag sind Säuglinge oft müde, können aber noch nicht selbstständig einschlafen, was zu Frustration und Weinen führt.
  • Veränderungen in der Muttermilch: Bei stillenden Müttern ändert sich die Zusammensetzung der Muttermilch im Laufe des Tages. Am Abend kann der Fettgehalt höher sein, während die Milchmenge variiert, was den Säugling unruhig machen kann.
  • Unreife des Verdauungssystems: Das Verdauungssystem von Neugeborenen ist noch in der Entwicklung. Blähungen oder Unwohlsein können insbesondere am Abend zunehmen.
  • Veränderungen im Tagesrhythmus der Eltern: Wenn Eltern nach dem Arbeitstag nach Hause kommen und die Routine ändern, können Säuglinge empfindlich darauf reagieren.
  • Hormonelle Faktoren: Es wird diskutiert, ob veränderte Cortisolspiegel (Stresshormon) im Tagesverlauf sowohl bei der Mutter als auch beim Säugling eine Rolle spielen könnten.

Typische Symptome

Während der Witching Hour zeigen Säuglinge folgende typische Verhaltensweisen:

  • Intensives, scheinbar untroestliches Weinen ohne erkennbaren Auslöser
  • Krämpen der Beine an den Bauch oder Strecken der Beine
  • Abwehr der Brust oder Flasche, obwohl der Säugling Hunger signalisiert
  • Kurze Einschlafphasen, aus denen das Kind sofort wieder aufwacht
  • Allgemeine Unruhe und Reizbarkeit
  • Schwierigkeiten beim Beruhigen durch übliche Maßnahmen

Wann beginnt und endet die Witching Hour?

Die Witching Hour tritt meist ab der zweiten oder dritten Lebenswoche auf und erreicht ihren Höhepunkt in der Regel um die sechste Lebenswoche. Danach nehmen die Intensität und Häufigkeit der Weinphasen bei den meisten Säuglingen ab. Gegen den dritten bis vierten Lebensmonat verschwindet das Phänomen bei der Mehrheit der Kinder vollständig.

Umgang und Beruhigungsstrategien

Es gibt keine universelle Lösung für die Witching Hour, da jedes Kind individuell ist. Folgende Maßnahmen können jedoch helfen:

Körperliche Beruhigung

  • Tragen und Schaukeln: Das Tragen in einem Tragetuch oder das sanfte Schaukeln ahmt die Bewegungen im Mutterleib nach und kann beruhigend wirken.
  • Haut-zu-Haut-Kontakt: Direkter Körperkontakt mit einem Elternteil vermittelt dem Säugling Sicherheit und Wärme.
  • Sanfte Massage: Eine behutsame Bauchmassage kann bei Blähungen Erleichterung verschaffen.

Umgebungsanpassung

  • Weißes Rauschen: Gleichmäßige Hintergrundgeräusche (z.B. Staubsauger, Ventilator, spezielle Apps) können beruhigend wirken.
  • Reizarme Umgebung: Dimmung der Lichter und Reduzierung von Lärm kann Überstimulation verringern.
  • Frische Luft: Ein kurzer Spaziergang im Kinderwagen kann manchmal Wunder wirken.

Ernaehrungsanpassungen

  • Häufigeres Anlegen oder kleinere Mahlzeiten am Abend (sogenanntes "Cluster-Feeding") kann den Hunger- und Beruhigungsbedarf des Säuglings befriedigen.
  • Bei stillenden Müttern kann eine Überprüfung der eigenen Ernährung hilfreich sein, da bestimmte Lebensmittel (z.B. Koffein, Kohl, Zwiebeln) die Beschwerden verstärken können.

Wann sollte ein Arzt aufgesucht werden?

Obwohl die Witching Hour in der Regel harmlos ist, gibt es Situationen, in denen ärztlicher Rat eingeholt werden sollte:

  • Das Weinen dauert mehr als drei Stunden pro Tag, mehr als drei Tage pro Woche und über mehr als drei Wochen (mögliche Kolik-Diagnose).
  • Das Kind zeigt zusätzliche Symptome wie Fieber, Erbrechen, Blut im Stuhl oder deutlichen Gewichtsverlust.
  • Das Weinen klingt anders als gewöhnlich (z.B. schrill, ungewohnt hoch).
  • Die Eltern fühlen sich emotional überwältigt und benötigen Unterstützung.

Ein Kinderarzt oder eine Kinderärztin kann organische Ursachen ausschließen und die Familie bei der Bewältigung dieser herausfordernden Phase unterstützen. Auch eine Hebamme oder ein Säuglingsberater kann wertvolle Hilfe leisten.

Tipps für Eltern

Die Witching Hour kann für Eltern extrem belastend sein. Folgende Hinweise können helfen, diese Phase besser zu bewältigen:

  • Denken Sie daran, dass diese Phase vorübergehend ist und sich in der Regel innerhalb weniger Wochen verbessert.
  • Wechseln Sie sich mit dem Partner oder der Partnerin oder anderen Bezugspersonen ab, damit niemand allein überfordert wird.
  • Legen Sie das Baby kurz sicher in sein Bettchen, wenn Sie sich selbst zu überwältigt fühlen, und gönnen Sie sich eine kurze Auszeit.
  • Suchen Sie Unterstützung bei Verwandten, Freunden, Hebammen oder Elterngruppen.
  • Vermeiden Sie es, sich selbst für das Weinen des Babys verantwortlich zu machen - die Witching Hour ist kein Zeichen schlechter Elternschaft.

Quellen

  1. Wolke, D. & Meyer, R. (1999). Ergebnisse der Bayerischen Entwicklungsstudie: Säuglingsschreien und seine Folgen. Monatsschrift Kinderheilkunde, 147(8), 752-761.
  2. Barr, R. G. (1990). The normal crying curve: What do we really know? Developmental Medicine & Child Neurology, 32(4), 356-362. PubMed.
  3. Wolke, D. (2019). Infantile Kolik und persistierendes Schreien: Ursachen, Auswirkungen und Interventionen. Universität Warwick - Department of Psychology.
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